Die Klamurke

Über das "Geistige"

(Ausnahmsweise nicht spöttisch gemeint; deshalb in Gänsefüßchen)

Dezember 2006; aus einem Brief

[...]

Zunächst mal ein paar Worte über meine Beziehung zum „Religiösen“:

Ich wuchs auf in einem sehr finsteren, seelisch sehr engen katholischen Milieu. Ich litt unter dieser „Religiosität“, mit der ich nichts anfangen konnte und deren Verlogenheit ich spürte; und flüchtete zunächst mal in einen primitiven materialistischen Atheismus, in dem ich mich verbarrikadierte.

Aber es gab vor allem zwei Punkte, aufgrund welcher ich schließlich einsehen mußte, daß dieser Materialismus unhaltbar ist.

Der erste Punkt, der mich ganz von Anfang an beunruhigte und mit dem ich nicht zurecht kam: Daß ich mir nämlich meine materialistische Festung denkend geschaffen habe, aufgrund von Überlegungen. Doch leugnete ich in meiner materialistischen Weltanschauung das Denken als solches und betrachtete es als zufällige Begleiterscheinung, gewissermaßen Ausdünstung materieller Prozesse. Und da stellt sich die Frage (unter der ich sehr litt): was sollen denn diese blinden, zufälligen materiellen Prozesse für ein Interesse haben („sie“ können ja gar kein Interesse haben), solcherart abzulaufen, daß sie in ihren Ausdünstungen, die mein Bewußtsein bilden, ein reales Spiegelbild der Wirklichkeit schaffen? Kann man in solchem Fall überhaupt von irgendwelcher „Wahrheit“ sprechen? Eigentlich löst sich ja dann alles in Chaos auf.

Das war das eine.

Später kam dann noch was anderes hinzu; und als dieses „andere“ hinzu kam, lebte ich noch immer in meiner „materialistischen Festung“ und versuchte, mich durch dieses erste Problem nicht kleinkriegen zu lassen.

Ausgangspunkt für dieses „andere“ war, daß ich in der katholischen Finsternis, in der ich aufwuchs eigentlich keine rechte Erziehung genossen hatte und, ganz im Gegenteil, durch die Jahre in diesem Nebel recht kaputtgemacht wurde. Und da war ich mehr oder weniger damit beschäftigt, die Früchte meiner „Erziehung“ zu überwinden und auf die Beine zu kommen.

Laut meiner damaligen materialistischen, atheistischen Überzeugung ist der „Mensch“ das Produkt der Wechselwirkungen, die im Zusammenspiel „seines“ Organismus mit „seiner“ Umgebung ablaufen; für sich genommen existiert er nicht.

Problem bei alledem war nun, daß – wie mir immer deutlicher wurde – ich selbst in meinem Kampf gegen die Folgen meiner „Erziehung“ der unübersehbare Beweis bin, daß das so nicht stimmen kann; daß Ich nicht bloß nicht das Produkt meiner Erziehung und meiner Umgebung bin, sondern darüber hinaus sogar das Potential habe, gegen die Folgen jener Erziehung anzukämpfen, also teilweise ihnen als selbständiger „jemand“ gegenüberstehe. Und da stellt sich die Frage: wer bin ich denn nu eigentlich?

In meinen Notizen in jener Zeit ging ich so weit, daß ich die erste Person mal „ich“ schrieb, mal ICH; wobei ich mit „ich“ jenes wüste chaotische Sammelsurium meinte, das meine Erziehung aus mir gemacht hatte; und mit ICH meinte ich Mich insofern, als ich diesem Sammelsurium verhältnismäßig selbständig gegenüberstand.

Zusätzliches Problem war, daß ich mit niemandem über solche Dinge reden konnte und ganz alleine damit blieb. Aber ich schlug mich durch, und der primitive Materialismus blieb schließlich auf der Strecke. Es war ein sehr langer und mühsamer und schmerzhafter Prozeß, der eigentlich noch immer andauert, während dem ich dazu kam, das “Geistige“ zumindest andeutungsweise – mal stärker, mal weniger stark – als etwas ganz reales zu erleben; und auch Ich selbst wurde mir etwas deutlicher.

Dies, knapp skizziert, meine Beziehung zum „Geistigen“. Mit Kirchlichem hat das nichts zu tun; und auch nichts mit den verschiedenen sonstigen Sekten; auch wenn letztere die Dinge manchmal – zumindest theoretisch – differenzierter nehmen als die Kirchen.

[...]

Warum ich keine Axiome mag

(Weihnachten 2006; aus einem Brief)

Zwischendurch ein paar Worte zu deiner gestrigen Anmerkung:

„…die einzige, sehr große Differenz zwischen uns ist, dass du versuchst, immer alles zu verstehen, alles zu erfahren; aber Axiome liebst du nicht...“

Axiome benutze ich höchstens zwischendurch mal als Krücken und bin mir dabei genau bewußt: daß das, eben, Krücken sind. Meist führen solche Krücken einen eh auf Abwege; und selbst wenn sie es nicht tun und einen wirklich dahinführen, etwas besser zu durchschauen: Wenn ich sie nicht mehr brauche, werf ich sie weg. Ansonsten bin ich immer bemüht, die Dinge aus eigener Anschauung, aus eigenem Verständnis zu begreifen. – Und was nützen mir die schönsten Axiome (selbst wenn sie ihrem Gegenstand mehr oder weniger gerecht werden), wenn sie mir nur helfen, auf ihrer Grundlage irgendwelche Gedankengebäude zu konstruieren, ohne daß ich darüber zu einem lebendigen Verständnis käme?

Bei den „Axiomen“ fiel mir spontan eine Stelle aus Goethes Faust ein:

Ein Kerl, der spekuliert,
ist wie ein Tier, auf dürrer Heide
von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,
und ringsumher liegt saftig grüne Weide.
***

Das Bedürfnis, die Dinge nicht durch künstliche gedankliche Konstrukte, sondern lebendig zu verstehen, hatte ich eigentlich immer; und deshalb konnte ich mit diesem trocknen akademischen Getue nie etwas anfangen.

Ich will damit nichts gegen das Denken sagen; ganz im Gegenteil… Das Denken unterscheidet den Menschen vom Tier; aber eben: Das Denken, und nicht das mechanische Konstruieren irgendwelcher Theorien. Dieses mechanische Konstruieren von Theorien ohne lebendiges Verstehen dürfte so eine Zwischenstufe sein zwischen Mensch und Tier. Der Biber oder die Spinne bringen ja auch – nicht gedanklich, sondern physisch – ganz raffinierte Konstrukte zustande, ohne genau zu wissen, was sie tun.

Wenn ich dich recht verstehe, ist dir dieses Bedürfnis nach lebendigem Verstehen nicht fremd; bloß hast du resigniert. Und an den heutigen Universitäten hat solches lebendige Verstehen in der Regel eh keinen Platz; weshalb es mir nicht möglich ist, die heutigen „humanistischen“ Wissenschaften ernst zu nehmen. (ernstnehmen kann man in der heutigen akademischen Welt eigentlich nur die technischen Fakultäten; hier führt solches Vorgehen immerhin zu greifbaren Resultaten).

***

Was ich verstehe, kann ich, aus dem Verstehen heraus, in der Regel klar und prägnant ausformulieren; und deshalb halten manche mich für kopflastig. Aber ich bin nicht kopflastig; meine Formulierungskunst beschränkt sich ausschließlich auf das, was ich im Moment des Formulierens durchschaue. Und wo ich nicht verstehe, komme ich ins Stottern und habe Probleme mit der Sprache. Vielleicht hätte ich auch die Fähigkeit zum kopflastigen Konstruieren; ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß, sobald ich es versuche – das Leben zwingt einen manchmal dazu – meine instinktive Abneigung gegen das Konstruieren, Spekulieren mir dazwischenfunkt und mich nicht läßt. Deshalb halten, umgekehrt, manche mich für intellektuell minderbegabt (wasletzteres wohl eher den Tatsachen entspricht als der Vorwurf der Kopflastigkeit).

***

Ich neige, wie du weißt, zu Extremen: da es mir nicht gelingt, an die Substanz des Weihnachtlichen heranzukommen, fühl ich mich zu Weihnachten umso leerer.

Das Formulieren dieser Gedanken hat mir wieder ganz klein wenig Saft gegeben. Weshalb dir für den Anstoß dazu gedankt sei… Denn wen interessiert sowas sonst schon [früher hatte ich viel mit Leuten zu tun, welche sich darin gefielen, mit gedanklichen Konstrukten zum Thema Überwinden des gedanklichen Konstruierens zu glänzen (also gewissermaßen gedankliches Konstruieren zweiter Stufe); und mit solchen Leute kann man sich, wenn es einem in der Seele brennt, am allerwenigsten lebendig über solche Dinge verständigen][1]


[1] Ich meine damit ausdrücklich nur diejenigen, die sich im abstrakten Theoretisieren über das Überwinden des abstrakten Theoretisierens gefallen. Insofern jemand aus persönlicher Betroffenheit, aus einer lebendigen Auseinandersetzung mit diesem Problembereich heraus sich äußert isser natürlich nicht gemeint. Wie sollte er auch gemeint sein, da man sich doch eben mit ihm oder ihr über solche Dinge verständigen könnte (mit wem auch sonst?)
Raymond Zoller