Die Klamurke

In Foren hinterlassene Notizen

Inhalt

Denken und Querdenken

Mit nachfolgendem Text stellte ich mich in einem bei Xing zu findenden Querdenker-Forum vor (aus welchselbigem Forum ich mich allerdings ein paar Tage später wieder ausklinkte, da ich dem Querdenken denn doch das Denken vorziehe)

Eigentlich sehe ich mich nicht als „Querdenker“. Ich versuche nur, im alltäglichen Kampf gegen das alltägliche Absacken in der allgegenwärtigen Absurdität mich irgendwie denkend zurechtzufinden; und in dem Maße, wie es mir dabei tatsächlich gelingt zu denken, komme ich, ganz selbstverständlich, in eine gewisse Nichtübereinstimmung, eine gewisse Schräg-oder Querlage gegenüber dem allgemeinen Wirrwarr.

Früher, als ich noch stärker im allgemeinen Wirrwarr befangen war und dazu neigte, es als das normale zu sehen, sah ich entsprechend mich selbst in meinem oben skizzierten Bestreben als schrulligen Versager und Querdenker.

Inzwischen sehe ich das anders: ich bin kein Querdenker. Trotzdem habe ich um Aufnahme im Querdenker-Forum ersucht (und selbige erhalten); Namen sind Schall und Rauch; einfach in der Hoffnung, hier auf Menschen zu stoßen, die sich den wirren Absurditäten unserer Zeit denkend zu entwinden suchen.

Das Bemühen, die typischen „Schlingbewegungen“ des Wirrwars zu verstehen, mit denen es einen in sich hineinzieht, benannte ich, mehr privat, für mich selbst, „Studium der Phänomenologie des geistig-seelischen Erstickens“ oder auch „chemische Analyse des Unbehagens“; und diesem Bemühen widmete ich eine umfassende Internet-Site (Die Klamurke), um deren weitere Entwicklung ich mich, mangels Echo, allerdings nicht sonderlich kümmere (für den russischsprachigen Bereich – bin zweisprachig – sieht es, was Verständnis und Echo betrifft, etwas besser aus)

Ein sehr schwerwiegendes Problem, mit dem ich jahrelang zu kämpfen hatte und das ich erst jetzt so langsam in den Griff kriege, liegt in der besonders für uns Europäer verschüttgegangenen Beziehung zur Sprache: Zwischen Sprache und Erleben, Sprache und Denken klafft meist ein Abgrund. Und dann reden wir in Schlagworten, basteln leere Theorien; setzen dazu an, irgendetwas, was uns betrifft, verstehend zu durchdringen; und irgendwann finden wir uns wieder, in irgendwelchen g’scheiten oder weniger g’scheiten Worten kramend, die mit dem, was wir meinten und meinen – so wir zu uns selbst ehrlich sind – nicht das geringste mehr zu tun haben.

Ein einfaches Beispiel:

Die Idee, die mit dem Wort „authentisch“ angedeutet wird, ist mir einigermaßen griffig; und irgendwie finde ich es natürlich sehr positiv, wenn ein Mensch in seinem Verhalten „authentisch“ ist. – Wenn ich aber nun von mir sagen würde: „Ich will authentisch sein“, so spüre ich genau: daß ich damit lüge. Denn die Authentizität ist wesentlich komplizierter, als daß man sie mit einem solchen Wort abhaken könnte. – Eben: nur ein Beispiel.

Doch will ich es bei diesen paar Anmerkungen zu meinem Denker- und Querdenkertum und den Problemen, mit denen ich mich dabei herumzuschlagen habe, mal bewenden lassen; sonst wird’s zuviel...

Werd mich gelegentlich oder auch öfter wieder melden.

Finanzierung etablierter Medien

10. Oktober 2004 im Forum „Notizen Dirk Schröder“

Zu Dirk Schröders Ankündigung, daß er die Einführung von Rundfunkgebühren für Computer in Deutschland als Anlaß nimmt, sich aus dem Internet zurückzuziehen

Für sich genommen ist die Einführung der Rundfunkgebühren für PC eigentlich nichts Besonderes; das ist nur das Akutwerden eines Symptoms einer längst vorhandenen und teilweise auch bekannten (aber vielleicht zu wenig untersuchten) Krankheit.

Es ist sinnlos, über ein Symptom beleidigt zu sein; besser, man faßt die Krankheit näher ins Auge und sieht zu, wie man sich mit ihr arrangieren kann.

In allgemeinen Umrissen besteht die Krankheit darin, daß die intellektuelle, geistige Leistung oder auch „Leistung“ des Einzelnen nur dann berücksichtigt wird, wenn sie in irgendeinen der abgesegneten alleinseligmachenden Kultur- oder Verblödungsmechanismen eingebunden ist. Wo solche abgesegnete Einbindung fehlt, wird die Tätigkeit – unabhängig von Qualität und Niveau – als „Hobby“ abgetan oder auch als Chaotentum; wo sie vorhanden ist, kann man den größten Schwachsinn vom Stapel lassen, der dann als von berufener Stelle stammende Weisheit betrachtet und zitiert wird.

Diese Ablenkung der Aufmerksamkeit vom Inhalt auf die institutionelle Einbettung hat natürlich noch ganz andere und auch viel schlimmere Folgen als bloß die Einführung von Rundfunkgebühren für PC. Vor allem führt sie zu einem zunehmenden Unselbständigwerden, Unmündigwerden weiter Teile der Bevölkerung (ein Symptom hierfür auch die immer stärker um sich greifende Hörigkeit gegenüber Preisträger-und Bestellerlisten, die vor ein paar Tagen in diesem Forum kurz gestreift wurde [siehe nachfolgenden Beitrag „Bestseller-und Preisträgerlisten]: Man traut seinem eigenen Urteilsvermögen nicht und sucht die Anlehnung an irgendwelche „Autoritäten“)

Wenn man denn, als um Ausdruck ringender Einzelner, sich auf den Weg gemacht hat, ist es wohl nicht ganz angebracht, sich aufgrund jenes Symptoms der allgemeinen Individualitätsfressenden Krankheit nun beleidigt zurückzuziehen; man überläßt das Feld nur der Krankheit.

So weit meine unmaßgebliche Sichtweise

Bestseller-und Preisträgerlisten

08. Oktober 2004; wilde.hor.de

Auf mich wirken diese ganzen Bestseller - und Preisträgerlisten eher als Negativ-Empfehlungen, i.e. als Auflistung von Sachen, auf die man weiter keine Zeit zu verschwenden braucht. Doch nicht einmal darauf kann man sich verlassen, da gelegentlich auch ganz brauchbares dort aufgelistet ist. - Wohl am einfachsten, wenn man diesem ganzen Gelistel weiter keine Beachtung schenkt.

Schutz geistigen Eigentums

28. August 2004; Forum "Notizen Dirk Schröder"

"Wer die Debatte um die Entwicklung des Urheberrechts in Zeiten digitaler Medien verfolgt, stößt manchmal auf Aussagen von Künstlern, die beteuern, dass ohne den Schutz geistigen Eigentums gar keine Kunst entstünde. Nur wenn die Urheber einen Vorteil ... haben, besteht ... ein Anreiz zur kreativen Tätigkeit. Das kann so nicht stimmen - denn bildende Künste, Literatur und Musikschaffen hat es immer schon gegeben - auch in Gesellschaften, die kein Copyright formulierten. Ich spiele daher mit dem Gedanken, Kunst im Allgemeinen von Copyrightkunst ("Verwertungskunst") künftig zu unterscheiden, von solcher also, die tatsächlich ohne Copyright nicht entstanden wäre, nicht entstehen würde. Damit ließen sich einige Probleme lösen, z.B. das der Präsentation der Literatur Nordkoreas auf der Frankfurter Buchmesse (Nordkorea kennt kein Copyright und damit nach mancher Ansicht auch keine Kunst...". - (Dirk Schröder)

Abgesehen vom kommerziellen Aspekt dient das Copyright auch noch dem Persönlichkeitsschutz. Manche – nicht alle – Texte sind ja Produkte oder Nebenprodukte einer nicht immer einfachen individuellen biographischen Entwicklung (gilt wohl am wenigsten eben für die unter kommerziellen Gesichtspunkten zustandegekommenen); und wenn da jemand hingeht und einen solchen Text, losgelöst von dem Grund, auf dem er gewachsen ist, als sein eigenes Erzeugnis ausgibt (ob mit kommerziellem Hintergrund oder nicht), so empfinde ich das als eine tiefgreifende persönliche Beleidigung dem Verfasser gegenüber.

Früher gab es kein Copyright; aber früher gab es auch kein Internet und sonstige den Texteklau begünstigende Möglichkeiten massenhafter Verbreitung; die Verleger waren in der Regel nicht rein kommerziell ausgerichtet und hatten Einblick in die „Substanz“ ihres Arbeitsbereichs; und vermutlich verfügten sie auch über bessere Menschenkenntnis; d.h. wenn jemand ihnen Texte anbot, die nicht seinem Niveau entsprachen, merkten sie das.

Was mich selbst betrifft, so kann ich mit Sicherheit sagen: Sollte ich wen erwischen, der (ob kommerziell oder nicht) unter seinem Namen von mir verfaßte Texte verbreitet, so würde ich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Genugtuung fordern.

Sprachnormierung
im Hinblick auf Arbeitserleichterung
für den der Arbeitserleichterung dienen sollenden Computer

3.September 2004; Forum "Notizen Dirk Schröder"

"... dass auch Computer mit der Orthographie zu schaffen haben: sie korrigieren Texte, wandeln Tonaufnahmen unserer Stimmen in Text um, erkennen eingescannte Papiervorlagen und Übersetzen zwischen verschiedenen Sprachen. Und das alles geht nicht ohne eine Reglementierung der Rechtschreibung. Schier jeder Mensch darf schreiben, wie er will. Der Computer kann das nicht. Er kann nur, was ihm beigebracht wurde, und auch das nur in genau dieser Weise. Der Computer wiederum soll uns das Leben erleichtern. Er dient uns. Er muss uns verstehen können (d.h. mit dem, was er von uns erhält etwas anfangen), wir ihn. Es ist dabei gleich wie und von wem die Schreibweise von Wörtern und die Zeichensetzung geregelt werden. Ohne geht es nicht. Fiktion einer freien Rechtschreibung nennt Franke die Annahme des Gegenteils." (Dirk Schröder)

Ein Computer ist ein überaus praktisches Gerät, welches bei der Arbeit mit Texten zweifellos wichtige Hilfe leisten kann. Doch wenn wir nun, damit er uns besser Hilfe leisten kann, die Sprache bis zur Primitivität vereinheitlichen, kippt det janze um ins Absurde: Was ursprünglich als Hilfsmittel veranlagt war, wird zum Sklaventreiber; und wir haben uns in unseren Bedürfnissen und Aufgaben gefälligst dem anzupassen, was er zu leisten imstande ist: Statt durch die Technik unsere Möglichkeiten auszuweiten, engen wir sie plötzlich ein... Muß doch nicht sein. Dann doch besser die Arbeiten, mit denen der Computer infolge mangelnder primitivierender Vereinheitlichung nicht fertig wird, wie eh und je von Hand machen. Zeit haben wir ja genug, da die Technik uns so oder so immer mehr Arbeit abnimmt.

Und vielleicht tut der Computer auch nur so, als könne er ohne Vereinheitlichung nicht mehr weiter? Da doch immerhin die neueren OCR-Programme und Tippfehlerkorrekturprogramme, wie man det so schön anthropomorph nennt, „lernfähig“ sind und erstmals angetroffene Schreibweisen übernehmen können? Mein Tippfehlerkorrekturprogramm zum Beispiel hat mit meinem teilweise schon recht hanebüchenen Wortschatz nicht die geringsten Probleme.

Und was die Übersetzerprogramme betrifft... ja nu. Jemand schickte mir das Resultat eines Versuchs, darin er einen Text von mir von Babelfish aus dem Deutschen ins Englische und das Resultat wieder zurück ins Deutsche übersetzen ließ. War interessant... Zweifellos war das Programm durch meinen etwas eigenwilligen – aber durchaus dem Geiste der deutschen Sprache entsprechenden – Satzbau und den unüblichen Wortschatz überfordert. Soll ich mich denn nun, mich diesem Hilfsmittel Computer treu und ergeben unterordnend, zu einem einfacheren Satzbau und reduzierten Wortschatz bequemen? Ich denk nicht daran.

Das Resultat erwähnten Versuchs hab ich kuriositätshalber ins Netz gestellt; kann man bei Bedarf hier finden.

Sprache und Denken

29 Februar, 2004; Klamurke-Forum

Jemand hatte angekündigt, einen bestimmten Begriff zu erläutern; ihm war, als wisse er genau, was er sagen möchte; doch wie er sich ans Formulieren machte – blieb er stecken. Von hier aus ergab sich ihm die Frage: Ob es eine Sprache gibt jenseits der Wörter und Begriffe, ein Denken jenseits der Sprache?

An sich eine völlig normale Sache, die ich auch aus eigener Erfahrung kenne: Da glaubt man, etwas klar vor sich zu haben, und es fehlt nur das Blatt Papier oder die Tastatur, um es niederzuschreiben – und wenn man sich dann ans Ausformulieren machen will, entzieht es sich selbigem, und man muß Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre daran herumkauen, bis man es – so überhaupt – in die Sprache kriegt.

Die Beziehung zwischen Sprache und Denken läßt sich eigentlich nur durch – von jedem selbst zu vollziehende – konsequente disziplinierte Selbstbeobachtung lösen (man kann darüber zwar auch theoretisieren und zu allen möglichen sich widersprechenden Schlußfolgerungen kommen; aber das bringt alles nichts). Mir ist diese Selbstbeobachtung nicht fremd; fremd ist mir hingegen die benötigte Konsequenz und Disziplin. Alles in allem: ich bin da weit zurück; deutlich ist mir aber immerhin, daß Denken und Sprache nicht identisch sind.

Ein Problem, welches seinerzeit schon den Doktor Faust beschäftigt hat sowie den an seinem Beispiele verschiedene Fragen und Richtungen aufzeigenden Herrn Goethe (und wäre das „faustische“ nicht durch das Bildungsphilistertum erstickt worden, wären wir mit dieser und ähnlichen Fragen inzwischen wohl schon sehr viel weiter und stünden nicht – wie es ja der Fall scheint – am Rande des Abgrunds).

Dies hab ich nur hingeschrieben, weil sich mir in Verbindung mit unserem Problem die Stelle aus dem Faust-Monolog

„schau alle Wirkenskraft und Samen
und tu nicht mehr in Worten kramen“

aufdrängte.

„In Worten kramen“ kann man dann, wenn man von keinem Gedanken berührt ist; dann nimmt die Sprache einem das Denken ab, und man läßt sich willig von ihr führen, wohin auch immer sie einen führen will. Ein anderes, wenn man glaubt, etwas erfaßt zu haben und darum ringt, dieses „etwas“ deutlicher zu machen und auszuformulieren; in solchem Fall merkt man, wie das „in Worten Kramen“ einem nichts hilft, und versucht, eben, sich von der bewußtlosen Eigendynamik der Wörter zu distanzieren und stattdessen die sich bildenden Gedanken in die Sprache hineinzuplastizieren. Was alles gar nicht so einfach ist.

Dies sei mal so andeutungsweise dahingeworfen... Und ansonsten deutet ja auch das Klamurke-Motto „Chemische Analyse des Unbehagens“ auf einen solchen jenseits des „Inwortekramens“ ablaufenden bzw. durchgezogen werdenden sehr schwierigen und sehr langwierigen Erkenntnisprozeß hin, der einsetzt mit einem diffusen Unbehagen, mit dem unbestimmten Gefühl, „daß da irgendwat nicht stimmt“ und in dessen weiteren Verlaufe, in mühsamer Nebelwanderung, dann so nach dies und jenes allmählich deutlicher wird und irgendwann sogar klar formuliert werden kann. Und die zeitliche Spanne zwischen Auftreten eines ersten diffusen Unbehagens und erstem Auftauchen der Möglichkeit, klar in Worte zu fassen, „was da nicht stimmt“ erstreckte sich bei mir in manchen Fällen über Jahre.

Sprache als Reflexhandlung

22 Februar, 2004 um 05:32:21; Klamurke-Forum

„Sprache als Reflexhandlung“ ist natürlich ein schrecklicher Gedanke; aber leider ist das nicht bloß ein Gedanke, sondern teilweise schon schreckliche Realität. Ob man jene „bedingten sprachlichen Reflexe“ überhaupt noch als Sprache betrachten kann, ist natürlich eine andere Frage, da Sprache im eigentlichen Sinne ja Ausdruck ist.

Vielleicht sollte man überhaupt unterscheiden:

Einerseits reflexhaftes Reproduzieren schematischer Wörteranhäufungen (für welchselbige Tätigkeit man noch eine Bezeichnung finden müßte); andererseits aktives Sichausdrücken in einem Element, welches man „Sprache“ nennt.

Als weiteren Beitrag zum Thema sei ein Zitat eingefügt aus einem Aufsatz zum Thema, den ich irgendwann mal für die Literaturnaya Gaseta geschrieben habe (Zitat natürlich in deutscher Übersetzung)

„[...] Ein weiteres interessantes Symptom der allgemeinen Beziehung zur Sprache kann man in der Art und Weise beobachten, wie Fremdsprachen gelehrt werden... Vor allem ist es interessant, sich in dieser Hinsicht die Sprachlehrbücher anzuschauen. Von seltenen Ausnahmen abgesehen wird hier ganz offensichtlich die Sprache durch leere Worte ersetzt. Eine merkwürdige Sache: Fernab von jeglicher lebendigen Sprache, unter Rückgriff auf anerkannte tote grammatikalische Regeln, werden künstliche Sätze zusammengezimmert; und aus diesen Sätzen werden Texte für Sprachlehrbücher erstellt. In diesen Lehrbüchern kann man solch wundersame Sätze finden, die sich keiner Intonation fügen wollen und für die du, wie sehr du deine Phantasie auch anstrengen magst, dir beim besten Willen keine Situation vorstellen kannst, in der man sie aussprechen könnte... Doch dies nennt man dann: Sprache... Und eine Überfülle solcher Sätze ohne Intonation und ohne Sinn findest du in jeder Zeitung, in jeder Zeitschrift. Wie auch in den Reden der Politiker aller Länder und aller Parteien... Nicht von ungefähr, daß diese Herren ihre reden häufig so monoton dahinmurmeln. Fast wie in den Lehrbüchern... Und auch hieran hat man sich gewöhnt und hält es für normal. Die Falle hat zugeschlagen...

[...]

Sprache als Ausdruck

13 März, 2004; Klamurke-Forum

Jemand stieß sich an der Aussage in voranstehendem Beitrag, daß „Sprache im eigentlichen Sinn ja Ausdruck ist“ und meinte, daß die Psychologie da zu einem anderen Ergebnis kommt. Aber er fand das noch ganz lustig und meinte, daß solche Sichtweise den Goethe gleich wieder ein bißchen lebendiger macht.

Zu welchen Ergebnissen die verschiedenen psychologischen Richtungen bezüglich Sprache kommen, ist mir im Einzelnen nicht bekannt; höchstens, daß für die Vertreter der verschiedenen „verhaltenspsychologischen“ Schulen Sprache ganz sicher nicht Ausdruck ist, sondern Reflex. – Womit ich selbst teilweise einig gehe, da meiner Beobachtung nach vieles, was als sprachlicher „Ausdruck“ auftritt, in Wirklichkeit nicht Ausdruck ist, sondern, eben: Reaktion.

Meiner Beobachtung & Erfahrung nach sind wir durchaus fähig zu aktivem Ausdruck; nur ist dieser ausdrucksfähige Bereich in uns weitgehend überdeckt durch Jargon, Gewohnheiten, Reflexmechanismen, und es ist gar nicht so einfach, durch diese uns zudeckende Schutthalde zur eigenen Sicht und zum eigenen Ausdruck durchzufinden. Weswegen es auch durchaus verständlich ist, daß man dieses Potential übersieht und man den Menschen als reflexhaft funktionierenden Mechanismus betrachtet; und ich find solche Sichtweise ehrlicher, als wenn man theoretisch den Menschen als sich ausdrückendes Wesen darstellt, praktisch aber keine Ahnung hat von eigenem Ausdruck und sich willig von den Mechanismen eines übernommenen Jargon treiben läßt (solches Volks gibt’s)

Was ja aber alles kein Grund sein soll, sich nicht um die Freilegung der eigenen Sicht auf die Dinge und der eigenen Ausdrucksfähigkeit zu kümmern; nich? Und unsere lieben Dichter würden auf solchem Wege so nach und nach aus ihren tristen Rollen als erstarrte Bildungsphilistergötzen aufwachen und sich in lebendige Gesprächspartner verwandeln; was durchaus begrüßenswert wäre.

Prätentiös

24 Februar, 2004; Klamurke-Forum

Anbei noch ein kurzer, der Ausarbeitung bedürftiger weiterer Beitrag zum Orientierungsbemühen im Bereiche sprachlicher und sprachähnlicher Erscheinungen:

– Fachleute, die sich in ihrem Fach souverän auskennen, benutzen bei der Verständigung untereinander häufig eine Art Zeichensprache – isolierte Wörter oder Wörtergruppen, ohne sonderliche syntaktische Bindungen – mit denen sie die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners auf ihm gut bekannte Sachverhalte lenken. Das ist für die Verständigung untereinander in Ordnung; für Darstellungen hingegen, die Nichtfachleuten ihnen unbekannte Zusammenhänge klarmachen sollen, ist das weniger geeignet; da müßte man sich dazu bequemen, von der Zeichensprache zur Sprache überzuwechseln.

Verfehlt wäre es, einen solchen Fachjargon als „unprätentiöse Sprache“ zu bezeichnen: Denn das ist nun mal, in eigentlichem Sinne, keine Sprache, sondern, eben: Zeichensprache.

Und kein vernünftiger Mensch würde von einem Fachmann verlangen, „prätentiös“ zu werden. Prätentiosität ist eigentlich eher das Element von Nichtfachleuten, die durch geschwollene Worte ihre Inkompetenz und innere Leere zu überspielen suchen.

Etwas völlig anderes die disziplinierte, in sich stimmige (wie jemand det nannte: egomorphe) Sprache, die aus dem Inhalt lebt, sich aus ihm gestaltet.

Für den ungeübten Hörer und Leser mag es auf Anhieb nicht immer einfach sein, prätentiösen Jargon von inhaltsgesättigter Sprache zu unterscheiden; und wo es ihm zu kompliziert wird, neigt er leicht dazu, eine inhaltsvolle Aussage als „prätentiös“ abzutun. Und für den prätentiösen Jargon-Jonglierer ist die inhaltsgesättigte Sprache eh ein feindliches Element, vor dem sich seine innere Leere bloßgestellt fühlt.

Ein sein Fach beherrschender Fachmann hätte es denn auch gar nicht nötig, „prätentiös“ zu werden; er müßte nur, wenn er sich an Nichtfachleute wendet, von der fachinternen Zeichensprache zur Sprache wechseln.

(drei Bereiche tönen also an: 1) Fachjargon als gegenstandsbezogene Zeichensprache – 2) prätentiöser Jargon als gegenstandslose Effekthascherei – 3) inhaltsgesättigte Sprache im eigentlichen Sinne. - Dies mal so dahingepfahlt)

Nachbemerkung: „Prätentiös“ kommt vom Lateinischen „praetendere“, wasda bedeutet „Anspruch erheben, fordern“ oder irgendwat in der Richtung. Dem prätentiös „sprechenden“ geht es nicht darum, seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen, sondern er erstrebt, „fordert ein“ das Entstehen eines bestimmten Eindrucks.

Und noch eine Nachbemerkung: Angeregt zu obiger Notiz wurde ich durch die danebengeratene Verwendung des Wortes "prätentiös" in einem Brief, den ich erhielt. Inzwischen hab ich mir mal via Google angeschaut, wie man dieses Wort denn im allgemeinen sonst so verwendet; und det war nu echt schlimm: Unter den zahllosen angeschauten Textstellen mit dem Wort "prätentiös" (hab mir natürlich längst nicht alles angeschaut) entdeckte ich keine einzige, wo dieses Wort angebracht wäre. Alles: gedankenloser prätentiöser Krampf (vermutlich das erste Mal in meinem Leben, daß ich besagtes Wort, außer zu Erklärungszwecken, selbst benutze). Solchem Volks möchte man raten: lernt doch erst einmal Deutsch, bevor ihr es mit Fremdwörtern versucht! Iss doch zum Verrücktwerden, sich mit solchem Wörterbrei herumschlagen zu müssen! [für "prätentiöses" Verhalten kann man im Deutschen übrigens, unter anderem, den gängigen Ausdruck "Eindruck schinden" benutzen, während das Wort "prätentiös" selbst immer etwas gestelzt und unnatürlich und mitunter, eben: "prätentiös" wirkt. Eines jener Fremdwörter, die sich aufteufelkommraus nicht ins Deutsche integrieren lassen und die im Grunde auch gar nicht integriert werden müssen, da sie völlig überflüssig sind]

Triebfedern und Motive des Schreibens

15. Mai 2004; Erozuna-Forum

Im Forum des Erotik-Magazins „Erozuna“ wurde die Frage aufgeworfen nach dem Stil in erotischen Texten. Jemand hielt dem entgegen: daß es bei solchen Texten in erster Linie um den „erotischen Kick“ geht und daß Stilfragen demgegenüber automatisch in den Hintergrund treten. Und daß wohl keiner der in Erozuna veröffentlichenden Autoren es je schaffen wird, „Harry Rohwolt, oder einen seiner Mitjünger, dazu zu bewegen seinen Olymp zu verlassen und in unsere Niederungen herabzusteigen.“ – Wie weit die erotische Literatur tatsächlich ihrer von mir weiter unten skizzierten Aufgabe bei der Errettung der mitteleuropäischen Kultur wird nachkommen können – wird man sehen; aber immerhin war es schon mal ein ganz netter Anstoß, gewisse Dinge zur Formulierung zu bringen.

Man kann det natürlich so sehen, daß für manche dem „erotischen Kick“ gegenüber Stilfragen in den Hintergrund treten.

Man kann es aber auch umgekehrt so sehen, daß eben der „erotische Kick“ den Raum bereitet für stilistische Entwicklung. Tut er meines Erachtens nämlich: Denn wer unter dem Einflusse des erotischen „Kicks“ schreibt, der bleibt seinem Inhalte treu und schreibt nicht deshalb, weil er Schriftsteller sein oder werden will. Letzteres aber ist der Feind jeglicher Entwicklung von Ausdrucksfähigkeit und Stil, welchselbige ein Maximum an Ehrlichkeit fordert; und wer schreibt, weil er Schriftsteller sein oder werden will, und nicht aus einem elementaren Ausdrucksbestreben heraus, der lügt sich selbst die Hucke voll und hat somit kaum eine Chance, es zu wat zu bringen. Gemeint: in Sachen Stil und Ausdrucksfähigkeit es zu wat zu bringen; ob er es schaffen kann, als „Schriftsteller“ zu Harry Rowohlt oder einem seiner Mitjünger in deren Druckerschwärzegefunkel einzutauchen, mag uns weniger berühren.

Und so es uns gelingt, den durch den erotischen Kick geschaffenen Ehrlichkeitsfreiraum zugunsten der Entwicklung einer in sich stimmigen Ausdrucksfähigkeit zu nutzen – könnte es denn doch tatsächlich passieren, daß es eben der erotischen Literatur beschieden ist, die der Errettung gar sehr bedürftige deutsche Sprache mitsamt Ausdrucksfähigkeit vor dem endgültigen Versumpfungstod zu erretten.

Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.

Prost

Chatten und Sprache

Beitrag vom 15. Oktober 2006 aus dem ausrangierten Sprachenportal-Forum

[Ausrangiert wurde jenes Forum, weil der Kampf gegen die Spamflut mehr Zeit in Anspruch nahm, als zur Verfügung steht (gibt es eigentlich kein Medikament gegen die krebsartig sich ausbreitende Onlineapotheken-Werbung?)]

Die Internetforen, Mailinglisten, Instantmessenger, cum grano salis sogar Chaträume sind, für sich genommen, durchaus brauchbare technische Hilfsmittel. Wie denn auch nichts gegen den technischen Fortschritt eingewendet werden soll (der, unter anderem, uns auch erlaubt, vorliegendes – wennauch wenig benutztes – Forum zu unterhalten).

Die technischen Möglichkeiten an sich sind neutral; Sinn und Unsinn ihres Einsatzes hängt von denen ab, die sie benutzen.

Problem ist, daß das Inskrautschießen der Massenmedien (zuerst immer mehr und immer qualitätslosere Druckerzeugnisse, dann Rundfunk, Fernsehen) zu einem Moment einsetzte, als der Bezug zur Sprache, die Ausdrucksfähigkeit eher verkümmerte, am Degenerieren war oder zumindest mit der Entwicklung der Verbreitungsmöglichkeiten nicht Schritt halten konnte. Und in diese verfallende Sprach- und Kommunikationskultur haute dann das Internet hinein mit seinen Homepages, Foren, Chats. Bei allgemein vorhandener Kommunikationsfähigkeit hätten diese technischen Hilfsmittel vermutlich die Möglichkeit geboten zu einer energischen Erweiterung und Weiterentwicklung echter Kommunikation; doch inmitten dieses kulturellen Trümmerfeldes führten sie im Allgemeinen nur zu einer weiteren Aushöhlung.

Ich meine das als allgemeine Tendenz. Daß es inmitten der allgemeinen Schlammlawine zum Glück auch genügend Leute gibt, die sich nicht mitreißen lassen, ist natürlich nicht zu übersehen.

Vielleicht noch ein paar Worte zu den Chats:

Bekanntlich besteht die Kommunikation nicht nur aus Sprechen, sondern auch aus Zuhören; beziehungsweise: einerseits aus Sichäußern, andererseits aus Wahrnehmen des Gegenüber.

Bei den Chats mit ihrer Anonymität, mit ihren abgehackten Satzfetzen, mit der Hektik und Eile ist in der Regel ein solches Wahrnehmen gar nicht möglich, und entsprechend gibt es auch kein Sichwenden an einen oder mehrere Gegenüber. – Im Grunde ist das bloß ein Kaleidoskop flüchtiger Eindrücke, welches unter Umständen die Phantasie des einzelnen „Chatters“ anregen kann, aber nicht das Geringste mit Kommunikation zu tun hat (selbst wenn die einzelnen Elemente dieses Kaleidoskops durch dahinterstehende Menschen bewegt werden; aber die treten als solche ja nicht in Erscheinung). – Dies nur als allgemeine Tendenz. Daß man unter glücklichen Umständen sich auch in einem Chat sinnvoll unterhalten kann sei damit nicht abgestritten.


Raymond Zoller