Die Klamurke

Aus Briefen

Zum Fall Hohmann

E-Mail vom 4. September 2003

Zu Beginn nachfolgender Korrespondenz kannte ich Hohmanns Rede mit den antisemitischen oder angeblich antisemitischen Äußerungen nur vom Hörensagen. Finden kann man sie unter anderem hier.

beim Herumlesen in deutschsprachigen Internetnachrichten stieß ich auf den Skandal um angeblich antisemitische Äußerungen von einem gewissen Hohmann; und inzwischen wurde – wie ich lese – sogar ein General gefeuert, weil der ihn in seinen Aussagen bekräftigt hat.

Aus einer kurzen Übersicht über seine Aussagen gewann ich den Eindruck, daß er das alles aus Solschenizyns „200 Jahre gemeinsam“ hat. Von unserer kurzen Korrespondenz Anfang Jahres her weiß ich, daß jene Arbeit in deutscher Übersetzung vorliegt und daß du sie gelesen hast; deshalb wollte ich dich fragen: was ist denn da los? Für systematische Recherchen im Internet funktioniert meine Telefonverbindung zu schlecht; aber irgendwie interessiert das mich doch.

Das einzige, was ich glaube verstanden zu haben ist: daß die Diskussion – wie heutzutage bei Diskussionen üblich – abseits aller Sachlichkeit geführt wird und daß auch Hohmann – bei vielleicht sinnvollem entwicklungsfähigem Ansatz – der Sache nicht gewachsen ist. In dem Sinne von „Tätervölkern“ zu reden, wie er das tut, ist natürlich Unsinn; doch vermutlich ging es ihm bei diesem Unsinn mehr darum, in provokativer Weise auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen. Und ansonsten betrachtet zum Beispiel auch Victor Klemperer – den man ganz sicher nicht des Antisemitismus bezichtigen kann – die Blut-und Boden-Ideologie Theodor Herzls als jüdisches Pendant zur Nazi-Ideologie.

Eben weil ich vermute, daß jene Solschenizyn-Arbeit Hohmann als Quelle gedient hat, weil ich weiß, daß du besagte Arbeit gelesen hast und weil du besseren Zugang zu deutschen Nachrichten hast als ich wollte ich dich fragen, was da los ist. So es dir nicht zu viel ist.

***

E-Mail vom 6. November 2003

vielen Dank für den oder das Link. Meine Verbindung funktionierte, es war Strom da; und so konnte ich jene Rede denn endlich mal lesen.

Es ist denn genau das, was ich vermutet hatte: Er will auf provokative Weise zum Ausdruck bringen, daß man weder die Deutschen noch die Juden als „Tätervolk“ bezeichnen kann; was er gegen Schluß ja auch ausdrücklich betont. Bloß tut er das auf eine solch ungeschickte Weise, daß man schon über manches stolpern kann. Und wenn man denn so in die dumpfe Demagogie eintaucht, die seine Rede von Anfang an prägt, hat man schon gar keine rechte Lust mehr, weiterzulesen. Aber ich habe weitergelesen. Bis zum Schluß. Politiker sind nun mal in der Regel nicht die intelligentesten, und ihr Element iss nu mal die Demagogie; kannste nix machen. Aber irgendwas wollte er, scheint's, durch diesen Wust hindurch zum Ausdruck bringen; und vielleicht war er sich sogar teilweise bewußt, daß er damit gewaltig ins Fettnäpfchen treten könnte. Einen gewissen Mut kann man ihm nicht absprechen. Und nun ginge es darum, das durch den Wust aus Demagogie und Dummheit diffus zum Ausdruck drängende aufzuspüren und, wie Freund Witzenmann sich ausdrückt, „den Gegenüber besser auszusprechen, als er selber es vermag“. Doch wer unter unseren Zeitgenossen ist hierzu schon reif; oder überhaupt: wer hat auch nur eine Ahnung, daß eine solche Art der Kommunikation anzustreben oder auch nur möglich ist.

So wird denn fleißig Holz gehackt. Mögen sie hacken; meine Neugierde ist befriedigt, und mich weiter damit zu befassen sehe ich keinen Sinn (es sei denn in direktem Briefwechsel mit dem Betroffenen, ohne alle Öffentlichkeit. Dies nur rein theoretisch)

Solschenizyns „200 Jahre“ hab ich vor mehreren Monaten gelesen; recht schnell, ohne sonderlich auf die Quellen einzugehen: mehr, um einen allgemeinen Eindruck zu erhalten. Daß die von Solschenizyn zitierten älteren Autoren die historischen Fakten – deren Zeitgenossen sie teilweise waren – stärker verfälscht haben könnten als spätere Historiker, scheint mir zweifelhaft; aber vielleicht irre ich mich. – Das von dir wiedergegebene Zitat „"Die allgemeine Glut der russischen revolutionären Bewegung wurde zweifellos durch die der jüdischen Revolutionäre angefacht." (Bd.I, S. 350)“ – scheint mir etwas merkwürdig; vielleicht schickst du mir mal genauere Angaben (Kapitel usw…), damit ich nachsehen kann. Selbst hab ich die Sache in Russisch vorliegen; und nicht einmal als Buch, sondern aus dem Internet heruntergeladen und ausgedruckt (in meiner Bibliothek machen sich immer mehr Aktenordner breit)

Von der derzeit laufenden Polemik weiß ich nur, daß es sie gibt. Einige Sachen hab ich mir runtergeladen, aber noch nicht gelesen. Werd ich noch tun.

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E-Mail vom 8. Dezember 2003

Der Mensch, mit dem ich zu diesem Thema korrespondierte, hatte mir folgende Nachricht geschickt:

"Martin Hohmann hat in einem Interview mit ‚n-tv‘ mit Recht auf ihn (Solschenizyn) verwiesen. Der russische Dichter Solschenizyn, mit seinem ‚Archipel Gulag‘ der Sachkenner der sowjet-kommunistischen Diktatur, schreibt in seinem neuen Buch "Zweihundert Jahre gemeinsam" über die Rote Revolution: Bei der ‚Zerstörung der bürgerlichen Ordnung‘ hätten russische Juden ‚in vorderster Front gedient‘. Das Sowjetsystem, so der Dichter, sei eine gemeinsame Schuld von Russen und Juden. (Zitat aus Internet, swg-hamburg)“

Det iss alles nun schon sehr dumm (aber, wie schon gesagt: Politiker sind nicht dazu da, um intelligent zu sein, sondern um Politiker zu sein; Sinn für Feinheiten würde sie bei ihrer Arbeit nur stören)

Ich unterstell Freund Hohmann denn mal weiterhin, daß seine umstrittene Äußerung seinerzeit als Hintergrund ein gewisses Unbehagen ob des verfestigten Schuldkomplexes hatte sowie ein diffuses Bedürfnis, diese Verfestigung zu relativieren und aufzulösen. Sollte meine Unterstellung die Realitäten treffen, so isses aber leider genau so richtig, daß ihm zu einer konsequenten Weiterführung eines solchen Weges die geistigen Mittel fehlen; vielleicht hat er, im Chaos des In-die-Enge-getriebenseins, inzwischen auch vergessen, was er ursprünglich gewollt hat; oder ich habe mich insgesamt getäuscht, und er hat genau das gewollt, was man ihm unterstellt hat, oder aber hat – als waschechter Politiker – überhaupt nichts gewollt außer publikumswirksamen Inhalt für eine zu haltende Rede zusammenzuschaffen.

Statt den verfestigten Schuldkomplex aufzuweichen, bastelt er denn nun weiter daran herum. Solschenizyn die grobschlächtige Sichtweise zu unterstellen, „das Sowjetsystem sei eine gemeinsame Schuld von Russen und Juden“ ist natürlich eine Frechheit und hat mit der tatsächlichen Sichtweise Solschenizyns nicht das Geringste zu tun.[1]

Als „Sachkenner der kommunistischen Diktatur“ und deren Geschichte ist Solschenizyn natürlich auch jener berühmte plombierte Waggon bekannt, mit dem der deutsche Generalstab seinerzeit Lenin & Co zwecks Vergrößerung des Chaos nach Rußland schleuste und somit den Grundstein legte für die sogenannte Oktoberrevolution. Und auch hierüber hat er sich ja in seinem „Roten Rad“ – welches Freund Hohmann vermutlich gar nicht gelesen hat – geäußert. Sodaß man, wenn man an dieser grobschlächtigen Art der Schuldzuweisung festhalten will, die Formel zumindest insofern ausweiten muß, als man sagt: „Das Sowjetsystem ist eine gemeinsame Schuld von Russen, Juden und Deutschen“

Staat und Schule;
beziehungsweise:
inwieweit hatte Lomonossov das Recht, die Moskauer Universität zu gründen?

Brief vom 24.12.1994; Moskau

Noch zu dem Besuch im Schuldepartement letzten Montag, an dem ich einesteils wegen meiner Beteiligung am Inhaltlichen, andererseits aber auch dolmetschenderweise teilnehmen sollte (E. spricht nämlich kaum Russisch, dafür aber recht gut Deutsch).

Von vornherein: Ich kam da um eine ganze Stunde zu spät. Ich kam - wie mir zunächst schien - mit nicht ganz fünf Minuten Verspätung an der verabredeten Metrostation an. Und wie ich denn, wartend, mein Notizbuch aufschlug, da sah ich, daß ich nicht fünf Minuten, sondern eine Stunde und fünf Minuten zu spät war. Ein Erlebnis der "Dritten Art"; kann mich nicht erinnern, daß mir sowas schon mal passiert sei... Fand dann verhältnismäßig schnell das betreffende Gebäude und dann auch das Zimmer, in dem die Besprechung stattfand, und traf die ganze Gesellschaft - einige Mitarbeiter der Schule "Semeinyj Lad", E. und zwei unbekannte ältere Damen (wie sich herausstellte: hohe Tiere aus dem Unterrichtsministerium) einträchtig bei Kaffee und Kuchen. Mein verspätetes Eintreffen nahm man nicht tragisch; eine von den Anwesenden sprach Englisch; so daß Eero nicht aus der Unterhaltung ausgeschlossen war. Wie man mir später berichtete, war es sogar gut, daß ich zu spät gekommen war: Das mit dem Dolmetschen sei zwar ohne mich schwierig gewesen, da weder die Dolmetscherin noch Eero sonderlich gut Englisch können; doch hatte das Gespräch sich dann festgelaufen; und durch mein verspätetes Eintreffen sei dann wieder Bewegung reingekommen. Ich übernahm dann die Dolmetscherei, nahm aber gleichzeitig auch am Gespräch teil. - Das Hauptproblem war die Diplomlage der Mitarbeiter der Schule. Außer zweien haben zwar alle eine abgeschlossene Hochschulbildung - die beiden übrigen mittlere Technische Ausbildung -; die meisten jedoch keine offizielle pädagogische Zusatzausbildung. E.’s Versicherung, daß die meisten Mitarbeiter faktisch über stark entwickelte pädagogische Fähigkeiten verfügen und daß zudem "Semeinyj Lad" bei dem russisch-finnischen Examensprogramm die besten Resultate hat und selbst die beteiligten anerkannten finnischen Waldorfschulen in den Schatten stellt - half nichts. Man braucht eine offizielle pädagogische Zusatzausbildung; […]

Immerhin wird den Mitarbeitern die Möglichkeit offengelassen, neben der Arbeit die entsprechenden Kurse zu besuchen.

Trotz der verhärteten Position der beiden Damen vom Unterrichtsministerium verlief das Gespräch mehr im Ton einer lockeren Unterhaltung; wie gesagt: Bei Kaffee und Kuchen. In einer Gesprächspause stellte ich, wie nebenbei, die Frage, welches Diplom eigentlich Lomonossov gehabt habe. Man versicherte mir, daß die Moskauer Universität ihm ganz sicher ein Papier ausgestellt habe. Meine weitere Frage, wie denn das möglich sei, da er die Moskauer Universität doch selbst gegründet hat, rief dann leichte Bestürzung hervor. Offenbar war die Rolle Lomonossovs beim Zustandekommen der Universität diesen hochgestellten Beamtinnen des Unterrichtsministerium nicht so sehr geläufig; doch schlimmer noch als das Eingeständnis diese Informationsmankos war sicher die Tatsache, daß ich mit meiner Frage einen Grenzbereich berührt hatte, vor dem jeder wahre Beamte mit Grausen zurückschreckt; ein Bereich, in dem Heulen und Zähneknirschen herrscht und in dem kein Schwein sich zurechtfindet. In der Tat: Welche Befugnis hatte Lomonossov, die Moskauer Universität zu gründen? Hä?

Da ich die Verunsicherung merkte, beharrte ich nicht weiter auf dem Blick in jene Schreckensregion; und mein Vorstoß tat der freundschaftlichen Atmosphäre dann auch weiter keinen Abbruch. Die Schulmitarbeiter, die dem Gespräch von Anfang an beigewohnt hatten, sagten mir dann anschließend, daß nach meiner Beschwörung jener schauerlicher Grenzbereiche die beiden sich wesentlich kooperativer zeigten als vorher.

Von Prominenten und Menschen

Aus einem Brief vom 20. September 2002; Tbilissi

Der in dem Brief erwähnte Mensch – richtiger Name durch X ersetzt – war scherzhafterweise (oder aus irgendwelchen sonstigen Gründen) mit einem fingierten Günther-Grass-Preis an die Öffentlichkeit getreten und hatte sich auf solche Weise einen Konflikt mit Günther Grass sowie massiven Ärger eingehandelt.

[…]

Hatte dir, gleich nach deiner Antwort auf meine letzte Sendung, noch ein paar Erwägungen zu X-ens Konflikt mit Günther Grass schreiben wollen; doch merkte ich sehr schnell, daß das zu einer riesigen Abhandlung über den Überbaucharakter, die Künstlichkeit und Unfruchtbarkeit unseres heutigen Literaturbetriebs auswachsen würde, und ließ es sein.

Gesagt sei aber mal, daß man heutzutage in der Regel den arrivierten Schriftsteller nicht als konkreten, lebenden, ringenden, sich um Orientierung bemühenden Menschen erlebt, sondern als Image; gleich aller anderen sogenannter „Prominenz"; und was X sich einem konkreten Menschen gegenüber (hoffe ich) nie erlaubt hätte, nämlich: Mißbrauch seines Namens - das tat er ohne Zögern mit dem Image oder der Markenbezeichnung „Günther Grass". Und Günther Grass reagierte nicht als Image, sondern als konkreter Mensch, der sich angegriffen fühlt.

Ich hab vollstes Verständnis dafür, wenn zu „Images" degradierte Menschen eben als Menschen (und seien sie noch so tiefstehend oder gar ekelerregend; für heutige „Prominenz" ja fast normal) Fotografen verprügeln und massiv gerichtlich gegen Übergriffe vorgehen; nichtsdestotrotz hätte ich von Günther Grass ein etwas menschlicheres Verhalten erwartet; iss ja immerhin kein Fußballspieler oder Prinz oder Schlagersänger, sondern ein mehr oder weniger denkender Zeitgenosse, dem solche Feinheiten eigentlich bewußt sein müßten.

Von spinnerischem Sichausdrücken und normalem Jargon

Tbilissi, am 12. Dezember 2005

In Zusammenhang mit der versackenden Arbeit rund ums Tiflisser Strömungsaggregat empfahl jemand mir eine Organisation oder Firma, die, wie es hieß, eventuell helfen könnte, die Sache wieder in Gang zu kriegen (weiß schon nicht mehr, wie sie hieß und was sie genau tat; kann mich nur noch an das vergnügliche Drumherum erinnern).
Ja nun: ich schreib sie denn mal an.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wende mich an Sie in Angelegenheiten eines Projektes bzw. Projektekomplexes, den ich in Georgien teilweise selbst in Gang brachte und betreue. Genauer gesagt: betreute, da wir mangels Finanz die Sache zunächst mehr oder weniger eingefroren haben. Das Ganze ist jedoch, wie mir scheint, durchaus entwicklungsfähig; und sollten sich neue Kontakte und Möglichkeiten ergeben, könnten wir es ganz oder teilweise sofort wieder aufgreifen.

Eben in der Hoffnung, ungezwungen neue Kontakte zu finden, habe ich verschiedene Aspekte unserer Arbeit in allgemeinen Umrissen im Internet veröffentlicht. Ausgangspunkt war ein in der Schweiz entwickelter neuartiger Schiffsantrieb, von dem wir hier in Tbilissi einen Prototypen erstellten und mit dem wir Versuchsfahrten durchführten. Im Weiteren kamen dann noch zwei Entwicklungen von einem Georgischen Erfinder, welche sich leichter und mit geringeren Investitionen verwerten lassen und bei denen wir hofften, aus dem später zu erzielenden Erlös dann auch die weitere Arbeit mit dem Schiffsantrieb finanzieren zu können; doch auch das kam dann mangels Finanz zum Erliegen.

Bei den Georgischen Entwicklungen handelt es sich um einen effektiveren und billiger herzustellenden Bremsbelag sowie um ein Filtermaterial; alles auf Grundlage einheimischer Ressourcen und ökologisch unbedenklich. Für das Filtermaterial wurden bislang, unter anderem, folgende Verwendungen ins Auge gefaßt: Gasmaskenfilter mit erweitertem Schutzspektrum; Wasserfilter; Spurensicherung (der Erfinder ist von Haus aus selbst Kriminalist; erste knappe Versuche – mit dem Befund, daß das Material für die Spurensuche vermutlich geeignet ist – wurden vom […] durchgeführt)

Gleichzeitig liefen Überlegungen, das Ganze mit einem sozialen Fonds zu verbinden (verschiedene Aufgaben, die diesem Fonds zugedacht waren, wurden und werden inoffiziell und versuchsweise aus der Privatschatulle eines Mitstreiters wahrgenommen).

Sollte das Ganze Sie interessieren, finden Sie einen allgemeinen Überblick über das Was und Woher auf der Seite http://klamurke.com/Soziales/aggregat.htm. [...] Auf weitere Fragen gehe ich gerne ein.

Dann gäbe es da noch einen zweiten Punkt: Auf Ihrer „Kontakt“-Seite sehe ich, daß Sie des Schreibens kundige Leute suchen zum Ausformulieren von Projektvorlagen. Entsprechende Dienste könnte ich Ihnen anbieten; bei Bedarf gleichermaßen in Deutsch und in Russisch; allerdings mit einem Vorbehalt: Ich könnte nur solche Projekte ausformulieren, die ich in allgemeinen Umrissen verstehe und mit denen ich mich irgendwie verbinden kann; automatenhafte „Darstellung“ mir fremd bleibender Zusammenhänge ist nicht mein Metier.

Es würde mich freuen, von Ihnen zu hören

Mit Gruß aus Tbilissi

Raymond Zoller

***

Aber ich hörte nichts von ihnen. Bis ein Freund sich einschaltete, der mit einem leitenden Mitarbeiter der angeschriebenen Organisation flüchtig bekannt ist. Nun kam eine sehr kurze Antwort, die da lautete, daß man mir leider nicht helfen kann. Und von dem sich eingeschaltet habenden Freund erfuhr ich zusätzlich, daß sie die Sache zunächst als Spinnerei abgetan hatten und nach seinem Brief es doch noch für möglich hielten, daß da irgendwas Reales vorliegen könnte. – Der betreffende legte mir nahe, künftig meine Briefe anders zu formulieren; worauf ich antwortete:

12.01.2006

Wieso anders formulieren? Ich beherrsch deren Jargon nicht und will ihn auch nicht beherrschen. Wenn man sich an jenen Jargon hält und ihn geschickt einzusetzen versteht, kann man – wie die Erfahrung zeigt – den größten Unsinn verkaufen; aber det alles ist nicht mein Metier. Das einzige, was ich kann: in klarem Deutsch (oder, je nachdem, klarem Russisch) die Dinge klar darstellen (und auch in der Klamurke hab ich det, wie mir scheint, so getan); wer auf üblichen Jargon angewiesen ist – ja nu, mit dem kann ich mich halt nicht verständigen[2].

***

Im Weiteren legte jener Freund mir nahe, auf die Absage kurz zu antworten und anzudeuten, daß ich mich wieder melden werde, wenn die Bedingungen sich solcherart geändert haben, daß sie für uns was tun können. Was ich, nach einigem Überlegen, mit folgendem Brief quittierte:

13.01.2006

Guten Morgen,

ich hab mir den Brief von X noch einmal angeschaut und bin zu dem Schluß gekommen, daß es sinnlos wäre, darauf einzugehen. Ansatzpunkt für eine Antwort gibt es keine; einzige Anknüpfung wäre das Vorhandensein einer deutschen Firma, die interessiert wäre, mit uns zu kooperieren. Aber solches Vorhandensein ist bekanntlich nicht vorhanden. Sollte eine die Bedingungen erfüllende Firma auftauchen (extrem unwahrscheinlich) würde ich ihn natürlich anschreiben; aber so – mach ich mir bloß unnötige Mühe, ihn zum Lesen eines unnötigen Briefes zu nötigen.

Und daß sie selbst für uns fündig werden könnten – scheint mir auch nicht wahrscheinlich. […]

Beim Anschauen der XY-Internetseite schien mir die Sache, so auf dem ersten Blick, eigentlich interessant; einzig die dümmliche Art, in der sie mit ihren prominentengewürzten Veranstaltungen hausieren gingen, stieß mir unangenehm auf. Letzterem maß ich zunächst mal weiter keine Bedeutung bei; betrachtete es als ein etwas ungeschicktes Tribut an die Pöbelmentalität, mit der man ja nu mal rechnen muß; und ansonsten: niemand ist perfekt, und ein jeder hat so seine Macken. – Bei genauerem Anschauen des ganzen Drumherum kriegt diese Macke aber doch eine etwas andere Gewichtung.

Ich glaube nicht, daß da was möglich sein könnte. Wie gesagt: sollte unerwartet eine kooperierungswillige deutsche Firma auftauchen, so würde ich sie natürlich anschreiben; und vermutlich würden sie im Rahmen ihres Programms dann auch dies und jenes tun; und desgleichen: sollten sie – noch mehr unerwarteterweise – selbst fündig werden und sich bei mir melden, würde ich natürlich darauf eingehen.

Ansonsten: Ich bin immer bemüht, mir und uns selbst die ausgefallensten Kanäle offenzuhalten; aber dieser hier ist so ausgefallen, daß es mir sinnlos scheint, sie ohne triftigen Grund nochmal anzuschreiben.

Von langen und von kurzen Sätzen

Ein Freund schickte mir den Entwurf eines Textes, den er auf der Internetsite seiner Firma veröffentlichen wollte. Ich arbeitete den ersten Absatz in ein – wie mir schien – ansprechenderes Deutsch um und schickte ihm das zu. Er fand aber, daß meine Sätze zu lang sind und erwähnte irgendeine Regel: daß bei solchen Texten ein Satz nicht mehr als zwölf Worte enthalten darf. Diese Regel mit den zwölf Wörtern pro Satz gab mir zu denken; was dann zu nachfolgend wiedergegebenem Schreiben führte:

Tbilissi, am 20. Februar 2006

die gestrigen zwölf Wörter pro Satz haben mir tatsächlich einen leisen Schock versetzt. Im Allgemeinen bin ich mir zwar bewußt, in welcher Welt wir leben; doch meistens verdräng ich das, weil solches Wissen einen zu sehr lähmt; man möchte sich dann nur noch hinlegen und gar nix mehr tun.

Später kam mir dann aber ein ketzerischer Gedanke; nämlich: Vielleicht ist das doch noch nicht ganz so schlimm? – Natürlich, die galoppierende Analphabetisierung mit Rückkehr in die Steinzeit dürfte kaum noch aufzuhalten sein, und ohne Zweifel ist eine ständig wachsende Zahl unserer deutschsprachigen Zeitgenossen nicht in der Lage, komplexere Satzgebilde zu überschauen. – Doch andererseits: Noch sind wir ja nicht in der Steinzeit angelangt, und neben den fortschreitenden Analphabeten gibt es doch aber zweifellos noch jede Menge des Denkens fähiger Zeitgenossen? Vielleicht mehr, als die Leute, die solch fromme Ratschläge wie das mit den 12 Wörtern pro Satz unters Volk bringen, uns glauben machen möchten? Vielleicht sind sie bloß selbst nicht in der Lage, längere Sätze zu überschauen? Aber das wäre dann doch ihr Problem? Oder?

Eigentlich verkaufst du ja kein Rasierwasser, sondern […]-Anlagen. Für […]-Anlagen aber interessieren sich Menschen, welche normalerweise in der Lage sein müßten, komplexere Abläufe zu überschauen; und warum sollten die dann nicht gleichermaßen in der Lage sein, mit der gleichen Selbstverständlichkeit komplexere Sätze aufzufassen? Da die Technik der assoziierenden Willkür unüberwindliche Grenzen setzt, dürfte eben bei den Technikern die Degeneration der Denkfähigkeit etwas Probleme haben, mit dem allgemeinen Tempo Schritt zu halten. Was aber wohl bedeutet, daß man mit solchen Leuten vielleicht doch noch anders reden kann als mit Leuten, denen man ein Handy verkaufen will oder Rasierwasser? Und vielleicht nicht einmal kann, sondern sogar sollte oder muß? Vielleicht schätzen sie es, wenn du sie nicht in einer primitiven Kindergartensprache als degenerierende Idioten ansprichst, sondern in normalem, prägnantem Deutsch als denkende erwachsene Menschen?

Mag sein, daß die Werbefritzen von solchen Feinheiten keine Ahnung haben; doch das wäre, wie gesagt, ihr Problem.

Vom Werden und von Gewordenem

Tbilissi, am 7. Juni 2006

[...]

Leute aus den sogenannten Entwicklungsländern haben häufig – nicht immer – einen besseren Sinn für Werden, eben: für Entwicklung als das Volks aus den überzivilisierten Wohlstandsgebieten; und entsprechend kann man mit ihnen ganz anders reden; vor allem: ehrlicher.

Europäer sind in der Regel, sagen wir: prozeßblind; sie können nur das realisieren, was schon da ist, was fertig ist; und eben in dieser – an sich: verkrüppelten – Mentalität haben wir den Faktor, welchem die „Referenzen“ ihre göttergleiche Stellung verdanken. Diese Prozeßblindheit erstreckt sich ausdrücklich auch auf jenes Volks, welches sich darin gefällt, dauernd Wörter zu gebrauchen wie „Werden“, „lebendiges Denken“ und ähnliches; die wissen in der Regel einfach bloß nicht, wovon sie reden. Etwas gestelzt ausgedrückt: der Europäer ist seiner ganzen Anlage nach epimetheisch gestimmt; er ist nur in der Lage, rückblickend das zu realisieren, was bereits entstanden ist und das Entstandene zu verwalten; das prometheische Element, also das Werden, ist ihm in der Regel fremd und unverständlich.

Will man mit einem typischen Europäer in Geschäftsbeziehungen treten, so braucht man Referenzen; muß auf etwas hinweisen können, was bereits da ist (unter anderem auch: ein bereits geschaffenes „Image“; und ist das Image geschickt gewoben, so ist es auch weiter nicht schlimm, wenn weiter keine Realität dahintersteckt; der Europäer liebt den schönen Schein; vorausgesetzt: er, der Schein, ist bereits von anderen anerkannt oder man kann glaubhaft machen, daß er anerkannt ist.)

Es wäre aber ein Fehler, diese Art des Umgangs miteinander als absolut zu setzen. Daß ich selbst die europäische Mentalität als bloß komisch empfinde, ist dir möglicherweise bekannt (doch ich selbst bin ja keine Autorität); und ich kann dir versichern, daß es in meiner russischen und georgischen Umgebung jede Menge Leute gibt, welche diese kleinkarierte Unbeweglichkeit gut durchschauen und sie nicht ernst nehmen (bekannterweise und natürlich gibt es in diesen „Entwicklungsländern“ auch Epigonen des europäischen Geistes oder Ungeistes, welche, sei es, weil sie es besser nicht verstehen, sei es, weil sie versuchen, von dem europäischen Wohlstandkuchen auch ein Stückchen abzuschneiden, sich jener Mentalität anpassen; und solche sind häufig in ihrer Kleinkariertheit sogar noch europäischer als ihre Lehrmeister; vor allem, wenn sie es schaffen, sich selbst in jene Breiten abzusetzen, wo es keine Stromausfälle gibt und dafür Waren im Überfluß)

Mit einem europäischen Geschäftsmann ehrlich zu sein und – abseits aller Referenzen zu bereits Vorhandenem – über sich verkörpernde Möglichkeiten zu sprechen, wäre natürlich Unsinn (sinnvoll höchstens als humoristisches Experiment); aber dafür sollte man versuchen, mit Vertretern dieser „Entwicklungsländer“, die aufgrund eigener Erfahrung und teilweise auch mentalitätsbedingt für das im Werden, in Verkörperung begriffene Mögliche aufgeschlossener sind, die ihnen angemessene Sprache zu finden. Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich zusammenzufinden, richtig zusammenzufinden; rein von der Sache her und nicht über erstarrte „Referenzen“ oder „Images“; aber Rezepte gibt es hier keine; man muß da selbst abchecken, was man sagt, wie man es sagt; das ist ein lebendiger Prozeß, der Geistesgegenwart erfordert und innere Distanzierung von den vertrauten europäischen Festgefahrenheiten.

Det hatte ich dir noch sagen wollen.

***

[Verschiedene Anmerkungen zu diesem Briefauszug findet man hier.]

1) (nachträglich erstellte Fußnote): Zudem betont Solschenizyn im Vorwort zum zweiten Band an mehreren Stellen ausdrücklich, daß es seiner Ansicht nach verfehlt ist, den Juden die Schuld an der russischen Revolution zuzuschieben. An den genauen Wortlaut kann ich mich im Moment nicht erinnern; such es vielleicht noch auf und füg es in deutscher Übersetzung ein. (bezieh mich auf die russische Ausgabe; doch hoff ich, daß die Aussage des deutschen Textes sich nicht allzusehr von derjenigen des russischen Originals unterscheidet)
2) Wesentlicheres zu diesem Problem findet man, unter anderem, hier.
Raymond Zoller