Die Klamurke
Unterhaltungen

Vom aufrechten Sprechen

Unterhaltung zwischen

und
und

Raymond Zoller

Alexandra Walter

Tedora Fatimea


Raymond Zoller

(an der Facebook-Pinnwand von Alexandra):
So du die Spießerwelt ärgern willst - sprich, aus festem Stand, in klaren, sicheren Worten aus, was du sagen willst; laß dir egal sein, ob jemand was kapiert, und verzichte auf jegliches Schimpfen und Hervorheben durch die Spießerwelt geschlagener Wunden. – Auf solchen Wegen wirst du, so man dich beachtet, für Spießer wie Alternativspießer zu einem wahren öffentlichen Ärgernis.


Alexandra Walter

meist fehlen mir die klaren Worte, weil meine Emotionen raus wollen. da muß ich dran feilen, das ist mir klar... Andererseits denke ich: was muß ICH alles aushalten in der Welt? und dann soll ich auf meine Wortwahl achten? Wer achtet auf die zwangsgeimpften und zwangssterilisierten Leute in Afrika? Natürlich sind Worte Magie und können viel ausrichten. und ich freue mich irgendwie, jemandem vor den Kopf zu stoßen. Das heißt ich hab ihn zum Nachdenken angeregt, selbst wenn ich böse Ausdrücke benutze!


Raymond Zoller

Emotionen nicht verdrängen, aber so im Zaum halten, daß sie nicht stören. Gedankliches Schwert schärfen; klar, gezielt dreinhauen. Damit regst du diejenigen, die bereit und fähig sind zum Nachdenken, zum Nachdenken an, und all die übrigen ärgerst du. Durch Schimpfen und Aufzeigen geschlagener Wunden regst du niemanden zum Nachdenken an; damit zeigst du nur Schwäche und wirst unglaubwürdig.
Revolutionen, Rebellionen gehören heutzutage auf die gedankliche, geistige Ebene, wenn in der physischen, sozialen Welt sich was ändern soll. Bei von allzu irdischen Emotionen gereinigter Sprache leuchtet umso klarer die echte Betroffenheit durch.
So isses


Alexandra Walter

da hast du völlig recht... ich sage auch immer es muß erstmal innen eine Revolution, in jedem einzelnen, vollzogen werden, und dann können sie erst in der äußeren Welt etwas reißen. aber so geben sie der Obrigkeit auch noch was in die Hand, denn die können jetzt argumentieren man braucht überall Überwachung und so, weil wir ja unfähig zum friedlichen zusammenleben sind...
aber hey - schwäche zeigen können ist auch was ;) das kann nicht jeder!


Raymond Zoller

Schwäche zeigen können iss das eine: eine wichtige und leider nicht sehr verbreitete Fähigkeit, deren Abwesenheit mit zur Verwirrung beiträgt. Man muß schon wissen, was man kann und was man nicht kann, wo man Kraft hat und wo nicht; sonst entsteht eine Maske, die man nicht ausfüllen kann.
Ein anderes ist: mit seinen Schwächen und Wunden hausieren gehen. Das soll man besser unterlassen; das ergibt im günstigsten Falle Mitleid.


Tedora Fatimea

Mitleid, ja, das brauchen manche mehr, als sie zugeben wollen.. Mitleid erwecken und wieder Aufmerksamkeit bekommen. Wer kann so einfach vorbei surfen, wenn jemand schreibt: " mir geht es nicht gut, habe Probleme" oder?1


Raymond Zoller

Die Tendenz, mit seinen Wunden hausieren zu gehen, kann aber auch noch andere Wurzeln haben.
Zum Beispiel kann sie im Zuge einer Auseinandersetzung mit verkopften Welterrettungstheoretikern, das heißt mit Alternativspießern, aufkommen. Mit Leuten also, die ein dickes Fell haben und genügend finanziell abgesichert sind, um unbehelligt von dem sie umgebenden Elend fortschrittliche Theorien auszuspinnen, ohne mit der Seele zu verstehen, in was für einer Welt sie leben; die sich mit ihrer Gescheitheit furchtbar wichtig vorkommen und Menschen, die mit ihrem ganzen Sein gegen die verkrüppelnden Kräfte unserer Zeit anzukämpfen haben, als schrullige Typen beiseiteschieben.
Ich hatte selbst mit solchem Volks zu tun, das mich gar sehr ratlos machte, da ich anfangs nicht verstehen konnte, was die mit ihren Theorien eigentlich wollen; und um sie mit der Realität zu konfrontieren, zeigte ich gelegentlich meine Wunden.
Bis ich verstand, daß das nix bringt; daß die zu sehr in ihren Köppen eingeschlossen sind, als daß sie noch etwas verstehen könnten.
– Ich habe den Eindruck, daß es auch Alexandra nicht um das Erregen von Mitleid geht, sondern, darum, Menschen aufzurütteln, die sich aufteufelkommraus nun mal nicht aufrütteln lassen.


[1]

In einem Brief äußerte sich Tedora zu ihrer Anmerkung: „Als ich mein Kommentar verfaßte, ging es um das Mitleiderregen im Allgemeinen, und nicht dezidiert bezogen auf die Person von Alexandra oder ihre Haltung dazu

Raymond Zoller