Die Klamurke Notizen von unterwegs

In Russland Notiertes

Der Lauf des Stillen Don

Verstreutes zum Thema, herausgepickt während des Sichtens meiner im Laufe der Jahre entstandenen Notizen.

Als Einleitung in deutscher Übersetzung ein Eintrag in meinem russischen Blog, wo ich das Thema knapp umreisse:

Scholochow

Als Kind, als Halbwüchsiger fiel mir im Bücherschrank meiner Eltern ein Buch auf mit dem Titel "Der stille Don". – Ich hatte keine Ahnung, was das für ein Don ist; vermutete, daß irgendein Spanier. Russisch konnte ich damals noch nicht, und wusste überhaupt nur sehr wenig von der Welt, als ich in den engen Grenzen des heimatlichen Luxemburg vor mich hin lebte.

Später, schon etwas älter, aber noch immer ohne jeden Anflug von Russischkenntnissen, begann ich, dieses Buch zu lesen. Ich verstand, daß der Don kein Spanier ist, sondern ein Fluss. Das war interessant zu lesen. Doch plötzlich, im zweiten Teil – wurde die lebendige Sprache abgelöst durch widerlichen Jargon. Ich konnte mich nicht überwinden, weiterzulesen und legte das Buch beiseite. – All dies las ich noch in deutscher Übersetzung, als fast überhaupt nichts verstehender Halbwüchsiger. Doch ich verstand: daß die Fortsetzung widerlicher analphabetischer Jargon ist.

Aus irgendwelchen Gründen hatte dieser kurze Ausflug in die Strömung des "Stillen Don" sich meiner Erinnerung eingeprägt. Mehrere Jahre später, schon etwas älter und mit Russischkenntnissen, stieß ich zufällig im Katalog eines russischen Emigrantenverlags auf ein Buch mit dem Titel «Стремя Тихого Дона. Загадки романа» ("Der Lauf des Stillen Don. Rätsel um einen Roman") Sofort verstand ich, worum es geht. Ich bestellte das Buch, las es mehrmals hintereinander. Und dann las ich auch den "Stillen Don", diesmal ganz, bis zum Schluss; und schon nicht mehr in deutscher Übersetzung, sondern im russischen Original. Offensichtliche Unstimmigkeiten; sogar mir fielen sie auf. Es war für mich außer Zweifel, daß der Roman von mindestens zwei sich stark voneinander unterscheidenden Autoren geschrieben wurde.

Krjukow

Dann begann ich, Krjukow[1] zu lesen, den der Verfasser dieser Untersuchung als den wirklichen Autoren des "Stillen Don" betrachtet. Ja, das ist nun wirklich ein echter, interessanter Schriftsteller. Las Bücher von ihm, Artikel; aber ich versuchte nicht, seine Stilistik mit der Stilistik der "literarischen", "jargonfreien" Stellen im "Stillen Don" zu vergleichen; kümmerte mich nicht um die Feinheiten; vermutlich wäre ich zu einer solchen Tätigkeit sowieso nicht in der Lage gewesen. So daß ich nicht beurteilen kann, ob Krjukow einer der Autoren des "Stillen Don" ist oder nicht. Das einzige, was ich verstand – bereits als Halbwüchsiger und auf Grundlage der deutschen Übersetzung: daß man es hier mit verschiedenen, sich stark voneinander unterscheidenden Autoren zu tun hat.

Später dann, bei Solschenizyn, im "Roten Rad" – Kowynjow, in dem ich sofort den Krjukow wiedererkannte…

Und so weiter…

Irgendwie müde…

Mist, verfluchter…

Verstreute Notizen:

Donnerstag 27. Dezember 1990, Moskau

Am Zaun ein Plakat, das auf eine Ausstellung über Kosakentum hinwies, die zur Zeit im Innern stattfindet. Kurz entschlossen ging ich rein.

Bezahlte einen Rubel für den Eintritt; spendete auch was. Die Frau an der Kasse deutete auf einen jungen Menschen, der eine kosakische Uniform trug, wie sie wohl vor achtzig Jahren üblich war: Wenn ich Fragen hätte könne ich mich an ihn wenden.

Die Ausstellung berührte, wenn ich recht verstehe, so die letzten fuffzig Jahre vor der Revolution. Farbige Stiche von Reiterscharmützeln. […] Fragte den Uniformierten […], unter anderem, nach dem Problem des "Stillen Don": Wie er dazu steht.

Die Sache war ihm bekannt; nur sagte er, er sei nicht kompetent; dazu müsse man Literaturwissenschaftler sein. Er nehme an, daß das Buch tatsächlich von Scholochov stammt; nur daß Scholochov halt einiges durcheinandergebracht hat (weiß nicht mehr genau, wie er das formuliert hat).

Freitag, den 14.Juni 1991

Beim Lesen im Тихий Дон... Bei allen Kapiteln, die die Ereignisse von roter Seite her schildern, macht sich der Zweitautor gar sehr bemerkbar... Im Kapitel XXXIX ist er gar sehr zugegen; aber auch der Hauptautor hat noch genügend Raum. Rein aus der Feder des Zweitautors (höchstens abgesehen von einzelnen Sätzen, kurzen Passagen) das Kapitel XL.

Wie ist es möglich, daß ein des Lesens, der Sprache kundiger Mensch sowas nicht merkt?

Dienstag, den 25.Juni 1991 Berghofen

Quäl mich so zwischendurch durch den letzten Teil vom Тихий Дон. Rein aus Prinzip les ich zu Ende. Alles von so 'nem Primitivling hingeschmiert; fällt gar sehr ins Auge und tut weh. Normalerweise würd ich so'n Zeug gar nicht lesen; in diesem Fall reiß ich mich zusammen... Noch hundert Seiten sind's. Dieser letzte Teil fällt völlig heraus.

Des Menschen Blödheit ist unergründlich. Wenn schon Fälschen, dann aber doch bitte etwas geschickter... Jedoch eigentlich: wozu? Merkt ja doch niemand... Sogar den Nobelpreis hat das Schwein dafür bekommen...

Mittwoch, den 26.Juni 1991

Eine Komponente meiner heutigen Stimmung hat deutlich mit der gestrigen Lektüre im Тихий Дон zu tun. Bekanntschaft mit der Scholochow'schen Seele. Das Weitere wird nicht durch die Logik der Ereignisse bestimmt, sondern durch die verworrene bolschewistische Ideologie; eine merkwürdige Mischung aus Bürokratie und aus trüben Untergründen hervorbrechender nicht reflektierter Weltanschauung.

Кошевой (Koschewoi). Wieso ist er dauernd am Arbeiten? Was hat ein Revkom-Vorsitzender in einem fast ausgestorbenen Dorf zu tun? Von seiner Arbeit wird wenig gesagt; außer der Räuberpistole, wo er zu Kirill Gromov eindringt. Die in diffusem metaphysischem Nebel verankerten unüberwindlichen Klassengegensätze; die ebendortselbst ihre Wurzeln habende unumstößliche Notwendigkeit zu strafen. Da sind die Bolschewiken schon sehr katholisch; katholischer als der Papst... Vorher hatte Koschevoi noch so etwas wie Seele; wenn auch eine kleine. In dem Maße, wie Scholochov ihn in die Hand nimmt, geht er selbiger verlustig und wird zur sozrealistischen Vogelscheuche. Die Szene, wo er nach dem Mord an dem alten Grischaka vom Klassenhaß getrieben noch 'n paar Häuser anzündet wirkt in ihrer Darstellung unfreiwillig komisch. Ab letztem Teil ist er nicht einmal mehr komisch. Blutleer.

Grischa. Wieso hat er nach dieser offensichtlichen Absolvierung eines Entwicklungsweges außer dümmlichen Scherzen und Alltagsblabla plötzlich nichts mehr zu sagen? Wieso benimmt er sich wie'n Hammel vor der Schlachtbank? Resignation ist das nicht; Resignation würde in Grischas Fall zu vollständiger Lähmung führen. (rein rhetorisch frage ich; der Grund ist klar und heißt Michail Scholochov)

So weit mal. Auch wenn vermutlich nur für wenige interessant: falls ich beim weiteren Herumsuchen in meinen Notizen auf zum Thema gehöriges stoße, tu ich es hinzu. Entsprechende Notizen gibt es sicher genug; hab den Roman, rein aus Prinzip, mehrmals gelesen, mich jedes Mal grün und blau geärgert und mir den Ärger vom Leibe geschrieben…


1) Näheres über Krjukow findet man in Russisch hier; die erwähnte Untersuchung, gleichfalls in Russisch, hier. In Deutsch in der deutschen Übersetzung von Solschenizyns "Rotem Rad", vor allem November 16; und zwar gibt es dort einen Menschen namens Kowynjow, der dem Krjukow lebensecht nachgezeichnet ist.





Raymond Zoller