Eingang Klamurke Aus dem sozialen Leben

Geschichtliche Symptomatologie

Viele Jahre alter Kurzbericht zur Sitzung einer Arbeitsgruppe, an der ich mal teilnahm.

Ich will dabei nichts gegen die Leute sagen, die darin erwähnt sind, und auch nichts gegen die Geistesart, die da durchschimmert; sie, die Geistesart, ist nun mal da und sehr verbreitet; und da sie da ist und sehr verbreitet und zudem die Entwicklung derjenigen, die von ihr befallen sind, in beträchtlichem Maße beeinträchtigen kann, ist sie unbedingt wert, daß man sich mit ihr auseinandersetzt: aufdaß man ihr nicht selbst zum Opfer falle; beziehungsweise, so man ihr bereits in stärkerem oder weniger starkem Maße zum Opfer gefallen ist und merkt, daß da irgendwas nicht stimmt, sich von ihr befreie.
Im Sinne einer solchen produktiven Auseinandersetzung sei das nun denn veröffentlicht.

Das Buch, welches dieser Arbeitsgruppe zugrundeliegt, heißt „Geschichtliche Symptomatologie“ und stammt von Rudolf Steiner. Genau: von Rudolf Steiner. Solche Bücher lese ich nämlich und finde sie durchaus brauchbar. Früher nahm ich sogar an Arbeitsgruppen teil und war auch sonst anfänglich hier und da in Anthroposophenkreisen engagiert; inzwischen les ich das nur noch für mich im stillen Kämmerlein. Aber ich les es. Arbeite damit. Regelmäßig. Mich dabei weder um Anthroposophen noch Antianthroposophen scherend. – Schade eigentlich, daß man das so ausdrücklich betonen muß; aber bei all dem Gewusel, das sich um den Namen dieses Denkers rankt, fühlt man sich zu solcher Klarstellung nu mal gedrängt.

Der vierte Vortrag in der geschichtlichen Symptomatologie also, bzw. Bericht über eine Arbeitsgruppe zu selbigem:

Juni 1991

Heute Abend wird im Historikerkreis der vierte Vortrag in der geschichtlichen Symptomatologie durchgenommen. Ich hab ihn soeben vorbereitend gelesen; und zwar mit zunehmender Begeisterung. Ein Aufruf ist das! Aber ob diese Mehlsäcke (‘tschuldigung) diesen Aufruf als solchen hören werden - sehr fraglich. Ich selbst werd mein rebellisches Gemüt im Zaume halten und Steiner nicht zu sehr das Wort reden; es sei denn, die Stimmung ist aufnahmefähig für die rebellische Komponente an diesem rebellischem Gedankengut. Was soll man die Leute, die nur ihren Frieden haben wollen, unnötig beunruhigen...

Dieses Bürgerliche isses, was mir so fremd ist... [...]

Juni 1991, ein Tag später

...versuch nun, das Fazit des gestrigen Historikertreffens zu ziehen. In gewisser Hinsicht war das wichtig.

Also denn:

Es ging um den vierten Vortrag in der geschichtlichen Symptomatologie. Ich hatte den kurz vorher durchgelesen und ihn als Aufruf empfunden; war aber gar sehr im Zweifel darüber, daß dieser Aufruf verstanden würde; hatte mir auch vorgenommen, mein rebellisches Gemüt im Zaume zu halten und alles zu unterlassen, was Menschen, die ihren Frieden haben wollen, selbigens berauben könnte.

Es ergab sich aber dann, daß derjenige, der über den Vortrag referieren sollte (…), nicht kam. Und so erbot ich mich denn, das Referieren auf mich zu nehmen.

Ich glaube, zu Anfang war man sogar recht erbaut; denn es war alles gedanklich sehr gediegen; ich zeigte auf, wie im Verlaufe des Vortrags in verschiedenen Erscheinungsformen die am Anfang charakterisierten “beiden Pole[1]” auftauchen:

Zunächst ein kleiner Seitenhieb auf die “Zeitlosigkeit” des Bürgertums; wies darauf hin, daß nach Steiners Sicht das Bürgertum das Eintreten des Maschinenzeitalters - als Akutwerden des Bewußtseinsseelenzeitalters - verschlafen hat. Und ein bezeichnendes Zitat las ich vor: “Denn was die bürgerliche Bevölkerung an besonders großen neuen Impulsen in letzter Zeit aufgenommen hat, das liegt ja schon vor dem eigentlichen Maschinenzeitalter - Einführung des Kaffees und so weiter für den Kaffeeklatsch -, und dasjenige, was die bürgerliche Bevölkerung an neuen Bankusancen und dergleichen gebracht hat, das ist so wenig angemessen den neuzeitlichen Impulsen wie nur irgend denkbar. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Komplikation der urältesten Usancen, die man im kaufmännischen Leben gehabt hat.”

Bei dem Proletarier ist der eine Pol durch seine Lebensumstände gegeben; er ist in einen Mechanismus eingespannt; und da die Klassen, die die Muße dazu sowas hätten, es verschlafen haben, den andern Pol weiterzuentwickeln, fehlte der; und da somit keine andere Möglichkeit bestand, das Bedürfnis nach Weltanschauung zu befriedigen, wurde - als eine Art “Saugeffekt” - der ganze Horizont durch den “Bewußtseinsseelenpol” ausgefüllt; und für den Proletarier wurde so die ganze Welt zu einem einzigen Mechanismus.

Als weitere Erscheinungsform dieser beiden Pole: “Das, was dem Bewußtseinsseelen-Zeitalter besonders eigen ist, ist die Absonderung des einen Menschen vom andern.”

Und als Erscheinungsform des andern Pols: Entwicklung praktischer Menschenkenntnis. Und weiter... “was geeignet ist, sehr große Aufschlüsse über die menschliche Natur zu geben: ...die Betrachtung des pathologischen Menschen.” Hier kam dann aber meinerseits ein als konkrete Hilfestellung gedachter Seitenhieb auf die Verschlafenheit; brachte als Beispiel die mir von Y. hinterbrachte X’sche Äußerung, in welchselbiger Kafka kurzerhand in den Bereich des Pathologischen verfrachtet wurde und somit nicht mehr ernst zu nehmen ist: Daß man sich beobachten sollte, wie sehr man sich auf das im bürgerlichen Sinne Intakte konzentriert und darüber den Blick für Schicksal verliert.

Und, als Erscheinungsform auf höherer Ebene, umfassender: Das Mysterium von Geburt und Tod. Hier kam ich auf das Entstehen von Käseglocken[2] zu sprechen; und wie man sich den Blick öffnen muß für dieses Entstehen, um gegenzusteuern; und so weiter und so fort; natürlich kam ich konkret auf gewisse - nicht gesehen werdende - Verknöcherungs-und Aushöhlungserscheinungen in den […]-Zusammenhängen[3] zu sprechen; was sehr ungnädig aufgenommen wurde. Ich verstand, daß man nicht sehen will...

Irgendwann versuchte ich dann, abzuschalten, mich rauszuhalten; ging aber nicht so recht; war bereits zu exponiert; die ganze Gesprächssituation war schon zu sehr auf mich ausgerichtet; und den Zynismus, einzulenken, so tun, als sei alles in Ordnung, nur um mich aus diesem perspektivelosen Hin und Her herauszuziehen, konnte ich nicht aufbringen; und so sah ich, gewissermaßen als störender Geist, den man versehentlich gerufen, keine Möglichkeit, die Leute von mir zu befreien und ihnen ihre Ruhe zurückzugeben...

Kam dann die Frage auf nach dem heutigen Proletariat. Daß die Charakterisierung der damaligen “Klassenverhältnisse” auf die heutige Situation nicht mehr anwendbar ist war mal klar[4].

Ich formulierte die - schon mehrfach gestellte, in anderer Form z.B. anläßlich der letzten Jahreshauptversammlung vorgetragene - Frage: Wo und wie findet man Menschenkreise, in denen solches elementares Bedürfnis nach Weltanschauung lebt? Und ich formulierte im Weiteren meine - wie viele wissen: schon lang gehegten - Vermutungen: Daß unter den heutigen pervertierten Bedingungen Menschen mit elementarem Bedürfnis nach Weltanschauung zunehmend ins Pathologische abrutschen; in Rauschgift, Kriminalität, Geisteskrankheit, Selbstmord... Es sei denn, sie haben das Glück, in kultivierterem (im eigentlichen Sinn) Milieu aufzuwachsen oder den Anschluß zu finden an Kreise, in denen man sich um geistigen Weg bemüht.

Der allergroteskeste Moment bei dem sich anknüpfenden Gespräch sei vorweggenommen: Bei meinen verzweifelten Bemühungen, das “elementare Bedürfnis nach Weltanschauung” verständlich zu machen benutzte ich irgendwann auch den Ausdruck “faustischer Drang”. Und A. hielt es für nötig, über Sinn und Unsinn des “Faustischen” zu referieren und sich darüber lustig zu machen... Irgendwann unterbrach ich ihn und wies darauf hin, daß ich nicht den Goetheschen Faust meine; daß ich nur auf etwas hinweisen wollte...

Zum Teufel. Das war der Moment, wo mir die Auswegslosigkeit der Situation am deutlichsten bewußt wurde. Die in meiner gestrigen Eintragung respekt-& lieblos beschworenen Mehlsäcke wurden plastisch; ich verstand, daß die sich “von diesem Bücherstaub” gar nicht bedrängt fühlen; daß das ihr natürliches Element ist und daß jeder Versuch, mich verständlich zu machen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist und nur dazu dient, mich immer unbeliebter zu machen.

N. machte auf das Phänomen aufmerksam: Daß suchende Menschen im Umkreis “geistig bemühter” Kreise sich aufhalten, ohne die Chance nutzen zu wollen. Ich wies auf die sublime Käseglocke hin (natürlich wieder ins Fettnäpfchen tretend), die sich, für die Beteiligten unbemerkt, nur zu leicht über solche Kreise legt und die auf Menschen mit starkem Drang nach geistiger Befreiung abstoßend wirkt. Dem wurde entgegengehalten, daß ich die Dinge zu oberflächlich sehe; daß da untergründige Schicksalsströmungen am Wirken sind und so weiter... (steht alles, wie ich weiß, im dritten Karmaband, der im Initiativkreis gelesen wird) Ich erwiderte, daß ich diese untergründigen Schicksalsströmungen nicht abstreite; daß ich aber die Käseglocke gleichfalls als ein Phänomen sehe, das man nicht ausklammern kann. (Der Stimmung nach hatte ich den Eindruck, daß man auch mich zu jenen bedauernswerten Individuen rechnet, denen es vom Schicksal her nicht vergönnt ist, den rechte Anschluß an die wahre Anthroposophie zu finden.) Man warf mir grobe Vereinfachung vor; nur ist auf ihrer Seite die Vereinfachung noch wesentlich gröber: Ich führe einen auch ohne höhere Einweihung beobachtbaren Faktor an, ohne gleichzeitig aber die untergründigen Schicksalsströmungen auszuschließen; die bauen in typisch anthroposophischer Manier mit ein paar geschickt ausgewählten Steiner-Zitaten die - noch nicht einmal voll zu Bewußtsein gekommene - Fragestellung zu; mitsamt den für das gewöhnliche Bewußtsein zugänglichen Tatbeständen.

Tut mir irgendwie leid, das alles so lieblos sagen zu müssen; aber zu einem ausführlicheren und “positiveren” Bericht fehlt mir die Kraft und die Lust. Das gestrige Treffen machte mir nur deutlich, daß es keinen Sinn hat, weiterhin den Blick wie gebannt in diese Richtung zu lenken; es ist da zunächst nix möglich; ich muß mich da absetzen.


[1] ”Denn natürlich, ein wesentlicher Grundzug, der im Übersinnlichen kursiert, ist ja das Eintreten der Menschheit in die Bewußtseinsseelenkultur selbst, das heißt das Aneignen der Organe für die Entwicklung der Bewußtseinsseele.” - “...der andere Pol...muß sein die Hinneigung zu einer Offenbarung aus der geistig-übersinnlichen Welt heraus.”
[2] Gemeint: Daß lebendiges geistiges Bemühen durch dogmatische Verfestigung ersetzt wird, welche, gleich einer Käseglocke, gegenüber der Umgebung wieauch gegenüber eigenen Fragen abschottet (inwiefern die Polarität ‚lebendiges Bemühen – Käseglocke’ eine Erscheinungsform der Polarität ‚Geburt – Tod’ ist oder sein kann müßte – und könnte auch – ausführlicher dargelegt werden).
[3] Eben die Zusammenhänge, in welchen diese Arbeitsgruppe abgehalten wurde
[4] Anmerkung Januar 2012: Inzwischen zeichnet sich die Entwicklung einer weltweiten Verelendung ab, eines sich verstärkenden Auseinanderklaffens zwischen sehr arm und sehr reich. Aber es ist trotzdem eine ganz andere Situation als zu den Zeiten des früheren Proletariats. Nur der Vollständigkeit und ganz nebenbei sei es angemerkt.





© Raymond Zoller