Die Klamurke

In Russland Notiertes

Während einer gemütlichen Flußdampferfahrt dahinnotiertes

Nachfolgende Notiz entstand am 9. Oktober 1993 in der Bar des über den Moskwa-Wolga-Kanal Richtung Moskau schippernden Flußdampfers „Juri Andropov“ während eines auf ebenjenem Dampfer stattfindenden Kongresses über die Zukunft Rußlands.
Auf welchen Wegen ich in diese hehre Gesellschaft reingerasselt war, kann ich mich aufteufelkommraus nicht mehr erinnern; weiß nur noch, daß ich dabei war. Und erinnern kann ich mich natürlich noch, daß am Nachmittag jenes 3. Oktober, als unser Kongreßdampfer am Moskauer Flußhafen, am „Rechnoi Voksal“, ablegte, in Moskau eine recht gespannte Stimmung herrschte, die sich ein paar Stunden später, als wir schon weg waren, in einen schießintensiven Aufstand entlud.

"Ich sitz in der Bar des Dampfers „Juri Andropov“ und versuch, mich zu konzentrieren. Es gäbe eine ganze Menge zu schreiben, zu bearbeiten; aber ich muß erst mal einen Anlauf nehmen, da ich des Schreibens entwöhnt bin. Schon lange entwöhnt bin...

Alles verschwimmt, wie immer, im Nebel. Rein äußerlich ist sonniges Wetter; ja nu, nicht mehr ganz so sonnig wie die letzten Tage, aber immerhin. Es läßt sich gut leben auf unserer Arche Noah, auf der wir vor einer Woche in Moskau ablegten und nun in wenigen Stunden wieder anlegen werden. Wir lebten hier bei bester Verpflegung und in luxuriösen Kabinen, und redeten über die Zukunft Rußlands, während in Moskau die Gegenwart wütete. In unserer Abwesenheit wurde in den Straßen Moskaus geschossen; es herrschte Ausnahmezustand... Der Ausnahmezustand wird demnächst wieder aufgehoben; die Opfer der Schießereien wurden vorgestern beerdigt. Gäbe es kein Rundfunk und Fernsehen, so wüßten wir von dieser Gegenwart überhaupt nichts.

Ich sitz in der Bar unserer Arche Noah; wir fahren durch den Moskwa-Wolga-Kanal, auf dessen Grund und an dessen Ufern die Überreste der einstigen russischem Intelligenz verscharrt sind... Zwischendurch bange Frage: Was uns wohl in Moskau erwartet? Und: ob aus dem Freundes-und Bekanntenkreis niemandem was passiert ist?

Vieles hier lief ab wie im Traum. Das eigentliche Programm und sogar die Arbeitsgruppe [...], die ich zusammen mit D. durchzog, brachte wenig bis gar nichts. So nebenbei blitzten durch den inneren Nebel hindurch Ansätze von weiterer Klärung und neuen Möglichkeiten, die aber noch nicht ganz zu mir durchgedrungen sind. Wahrscheinlich erreichen sie mich erst richtig, wenn ich voll in Tätigkeit bin. Interessant die Gespräche mit Sergei Pavlovich[1], besonders das gestrige. Es ging, neben vielem anderem, um den Zustand der europäischen und auch der russischen Kultur bzw. um den galoppierenden Verfall. – Sergei Pavlovich machte den Vorschlag, die Gespräche fortzusetzen und gemeinsam etwas zu unternehmen[2]. Schlug mir auch vor, mir in irgendeiner Weise mit der "Klamurke" zu helfen; durch ein Interview, Veröffentlichungen oder so. - Überhaupt brachten einige Gespräche in diesen Tagen mich dahin, daß der "Klamurke"-Ansatz trotz der äußeren Erfolglosigkeit und des bescheidenen Anfangs von ganz kapitaler Wichtigkeit ist. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, die Sache mit dem Niveau des „Novyj Mir“ zusammenzuschließen, einem Blatt, welches vor Jahren Weltgeschichte machte und in dem gewisse Ausläufer dieser Zeit (vor allem auch der Kontakt mit Solschenizyn) nach wie vor lebendig sind. Doch da solches sich nun mal auftut... Ich habe die Klamurke bislang nicht genügend ernst genommen; das ist's...

Ich werde versuchen, K. nach Moskau zu lotsen; vielleicht ein gemeinsames Gespräch mit Sergei Pavlovich; wobei ich aber eine ausdrückliche Grenze ziehen müßte gegenüber den ganzen Ehrgeizströmungen im und ums [...].

Doch all dies sind Äußerlichkeiten; es gilt, sich verstärkt dem Inhaltlichen zuzuwenden. Ich bin dessen entwöhnt; bin gewöhnt, nicht verstanden zu werden. Kann nicht mehr schreiben. Ich muß es wieder lernen...

Wir wollen es mal bei diesem kurzen Anlauf belassen und eine kurze Pause einlegen..."


1)Sergei Pavlovich Salygin, damals Chefredakteur der Zeitschrift „Novyj Mir“

2)Anmerkung 31. Juli 2004 in Tbilissi: Bekanntlich wurde dieser Kontakt weitergeführt; nur nicht in die richtige Richtung. Ich selbst nahm auch damals den Ansatz der „Klamurke“ – und auch mich selbst – noch zu wenig ernst, konnte auch noch zu wenig greifen. Ich stand damals ehrfürchtig vor diesen großen Namen Novyj Mir, Solschenizyn, Salygin (welchletzterer mich bei einer Veranstaltung im Schriftstellerverband als einen „Kollegen“ vorstellte. – Doch ich war damals alles andere als ein „Kollege“ von ihm; zu fern noch war ich von dem, was ich zu tun habe; statt selbst die Klamurke ins Feld zu führen, betätigte ich mich wie eh und je als Vermittler und versuchte, irgendwelche sozialästhetische Schwafler hinzuzuziehen). Im Grunde ist es gut, daß ich damals Solschenizyn nicht getroffen habe; im Gegensatz zu Salygin hätte Solschenizyn mich vermutlich nicht ernst genommen. Währendhingegen ich mir heute ein Treffen als durchaus fruchtbar vorstellen könnte.
Die Sammelaktion für Novyj Mir, die ich dann in einem deutschen Blatt vom Stapel ließ, war im Grunde eine lächerliche Angelegenheit; wennauch sie mir vorübergehend etwas Ehre einbrachte wegen meines Kontaktes zu großen Namen. Nee: damals war ich noch nicht reif zu etwas Vernünftigem (und wie hätte ich auch so schnell reif werden können zu Vernünftigem, da ich doch all die vielen Jahre hindurch meine Entwicklung faktisch ganz alleine betreiben mußte? Geht doch nicht! Wie so’n Wüstengewächs: Ringsum ein endloses Meer von Sand; aber irgendwie schafft man es doch, dieser abgestorbenen Wüste irgendwelche Nährstoffe abzutrotzen; und wenn man denn nach vielen Jahren, schon etwas kräftiger, zurückblickt, wundert es einen weiter nicht, daß det alles so langsam ging; wundern tut es einen dafür umso mehr, daß man überhaupt überleben und sich aufrichten konnte)
Mit wem könnte ich heute über diese Dinge reden? In Europa nach wie vor mit den allerwenigsten

Nachbemerkung

Für den Fall, daß jemand, der damals organisierend oder finanzierend an jener Novyj-Mir-Sammelaktion beteiligt war, sich auf diese Seiten verirrt, sei sicherheitshalber angemerkt, warum ich in der letzten Fußnote selbige Aktion als „lächerliche Angelegenheit“ bezeichne.

Daß es eine „lächerliche Angelegenheit“ war, lag hauptsächlich an mir selbst wieauch daran, daß mir im Westen jeglicher Rückhalt fehlte. Der einzige von meinen damaligen Freunden und Bekannten, der sich um meine Briefe und Anregungen scherte, war Mitarbeiter jener Zeitschrift, die dann jene von mir angeregte Sammelaktion in Gang brachte. Das bewegte sich aber alles noch zu sehr in ausgetretenen Pfaden, die zu verlassen mir damals der Überblick fehlte (selbigen mußte ich mir, wie auch in den Jahren vorher, ganz mühsam im Alleingang verschaffen) wieauch der soziale Rückhalt einer, ja nu, sagen wir: „Erkenntnisgemeinschaft“.

In den ausgetretenen Pfaden verbleibend mußte diese Aktion – wie ich jetzt verstehe – fast zwangsläufig zu einer „lächerlichen Angelegenheit“ werden. Aber dafür kann niemand; nicht einmal ich selbst... Die "Umstände" waren stärker...

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Anmerkung 5. Oktober 2015:

Vor ein paar Tagen suchte ich hier in Montenegro nach einem Bekannten, der, wie ich weiß, damals in Ostankino direkt dabei war; und zwar als Polizeioffizier (soweit mir bekannt: bei der Spezialeinheit „Alfa“; hab mich noch nie mit ihm darüber unterhalten). Seine Leute hätten damals schießen sollen; aber er weigerte sich, den Schießbefehl zu geben, und wurde in der Folge deswegen degradiert (oder wie nennt man das im Deutschen? Ну, разжаловали его). Hab ihn noch nicht angetroffen; aber vielleicht ergibt sich noch ein Gespräch. Ohne seine Einwilligung will ich nicht mal seinen Namen nennen.

Daß der Tag, an dem mir in den Sinn kam, ihn über seine damaligen Erlebnisse zu befragen, genau der Jahrestag ist, an dem das alles passierte, fiel mit erst anschließend auf.

Interview Ruzkoi Etwas später stieß ich dann in der Prawda auf ein Interview mit Alexander Ruzkoi, der damals enger in diese Geschehnisse involviert war. Für mich wurde durch dieses Interview sehr vieles sehr viel klarer, als es vorher war (selbst als ich mehr oder weniger mitten drin steckte war det alles für mich recht nebulös; ja nu, nicht ganz so nebulös wie für die lieben Wessis, die ihr Rußlandbild den westlichen Massenmedien entnehmen; aber doch: recht nebulös). Werd mich wohl oder übel in dieser Richtung noch etwas weiter schlau machen müssen, um die Nebel noch weiter zu lichten und auch die Gegenwart besser zu verstehen.

Würde einem jeden, der jüngere Vergangenheit und Gegenwart Rußlands besser verstehen will, und der über genügend Russischkenntnisse verfügt, dringend raten, sich das Interview anzuhören; findet man hier. Man versteht dann auch besser, mit was für Problemen der bei den westlichen Bürgersleut’n vielgeschmähte Putin zu kämpfen hat.

Und wer nicht genügend Russisch kann, um gesprochenen Text zu verstehen, kann das Ganze hier nachlesen (vermute, daß es alles ist oder zumindest das Wichtigste; hab nicht nachgesehen)

Raymond Zoller