Klamurke

Persцnlichkeitsentfaltung und Anonymitдt

Persцnlichkeitsentfaltung und Anonymitдt

Die grenzenlosen Weiten des Internet bieten unter anderem auch grenzenlose Mцglichkeiten, sich unter Wahrung vцlliger Anonymitдt in verschiedenster Weise bemerkbar zu machen. Diese Mцglichkeiten werden sehr ausschweifend genutzt; und nicht wenige sind der Ansicht, daЯ eben die Anonymitдt einen optimalen Freiraum zur Persцnlichkeitsentfaltung bietet.

Das Vorurteil, rechte Persцnlichkeitsentfaltung sei am besten in der Anonymitдt mцglich, ist nun durchaus verstдndlich und nicht ganz ohne Berechtigung. Der galoppierende Verfall der Kommunikationskultur ist eine traurige Tatsache: Wir hцren einander gar nicht richtig zu (und wissen teilweise nicht einmal, was das heiЯt: einander zuhцren); statt uns darum zu kьmmern, was den Gegenьber tatsдchlich bewegt und durch seine geglьckten oder auch weniger geglьckten ДuЯerungen hindurch zu ertasten, was er denn nu tatsдchlich meint - schaffen wir aus ein paar aufgrund unserer privaten Vorlieben und Sichtweisen zufдllig herausgegriffenen Bezugspunkten ein Bild von ihm und stьlpen es ihm ьber: So versteh ich dich, so seh ich dich, so bist du, hast du zu sein; so gefдllst du mir und hast du deine Daseinsberechtigung (oder auch nicht); und basta.

Und so sieht sich der Mensch, der mir gegenьbersteht, denn hilflos eingezwдngt in das Bild, das ich mir von ihm mache, und fьhlt sich, ganz natьrlich, unverstanden. Oder nicht einmal unverstanden fьhlt er sich, weil das Unverstandensein so sehr zum normalen Alltag gehцrt, daЯ es als solches nicht mehr zur Kenntnis genommen wird und sich verflьchtigt zu diffusem Unbehagen. Eben: was bleibt, ist diffuses Unbehagen, ein Gefьhl, daЯ irgendwas nicht stimmt.

So irrste denn herum zwischen Wдnden, die gewoben sind aus den verschiedensten Voreingenommenheiten deiner Umgebung. Ein sehr unerquicklicher, aber fьr uns heutige durchaus normaler Zustand.

Von daher genauso vцllig normal, wenn das Bedьrfnis aufkommt, in die Anonymitдt abzutauchen, sich bewuЯt seine Masken selber zu basteln und von Fall zu Fall mal diese, mal jene aufzusetzen.

BloЯ treten hier wieder ganz neue Probleme auf: Da man sich von den Wдnden befreit fьhlt und nun meint, machen zu kцnnen, was man will, artet det janze nur zu leicht in bodenlose Willkьr, Unverbindlichkeit, morastiges Chaos aus. Es gibt zwar Menschen, die sich so gut in der Hand haben, daЯ sie dabei ihr "eigener Gesetzgeber" sind; doch wer sich so gut in der Hand hat, wird sich innerlich auch gegen die "Wдnde" behaupten kцnnen. Die meisten scheitern am Fehlen der Korrektur durch eine verbindliche Beziehung zur Umgebung. Denn der vielbeschworene Cyberspace hat nu mal keine Balken.

Mir scheint beides, jedes auf seine Weise, unerquicklich: die Wдnde wie die Unverbindlichkeit und der Morast.

Retten aus dieser Zwickmьhle kann nur die Entwicklung einer Kommunikationskultur, die, statt durch Vorurteile und Rechthabenwollen, durch das Bemьhen um Verstдndnis getragen ist. – Klingt gut, nich; fast wie eine richtige sьЯliche Sonntagspredigt... Mir iss auch bekannt, daЯ solches Postulat ein beliebtes Thema ist fьr Sonntagspredigten sowie дhnlich gelagertes und daЯ sich dadurch ьberhaupt nix дndert und auch nicht дndern kann. Nichtsdestotrotz - eben hier dьrfte irgendwo der Angelpunkt liegen.

Solche Entwicklung mьЯte schon jeder bei sich selber betreiben; Postulate helfen da nicht weiter. Ein paar Angelpunkte in diesem Angelpunkt wдren etwa: Bemьhen um Unterscheiden zwischen Verstehen und Nichtverstehen; sich so weit disziplinieren, daЯ man in einem Gesprдch nur das einbringt, was man tatsдchlich meint oder annдhernd meint und sich jeder Worte um der Worte oder des Rechthabens willen enthдlt; und so weiter. Alles gar nicht so einfach, teilweise sogar sauschwierig.

In dem MaЯe, wie solches gelingt, mьЯten die Wдnde sich so nach und nach auflцsen. Nicht sofort halt, aber vielleicht bekдmen sie wenigstens ein paar Lцcher.

Problem ist aber, daЯ man dies nur als konkreter Mensch mit einem konkreten Gegenьber entwickeln kann und daЯ die konsequente Flucht in die Internet-Anonymitдt einen nicht nur von solcher Entwicklung abhдlt, sondern darьber hinaus die von den "Wдnden" ьbriggelassenen Reste an Kommunikationsfдhigkeit nur noch weiter untergrдbt.

Was ьbrig bleibt, ist Belanglosigkeit und irgendwelche Smiley-Fratzen als Ersatz fьr Gefьhl und Ausdruck.

Aber wat soll's: Iss so oder so alles nicht so einfach; nich?

 

© Raymond Zoller

Persцnlichkeitsentfaltung und Anonymitдt

Fьr Fragen, Einwдnde sowie weiterfьrende Gedanken gibt es das

Forum

 

Zur russischen Variante